Gerlinde Michel / Der Brief

by Manuela Hofstätter on 19. Februar 2016

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Jettas Leben ist durchorganisiert, so wie das Frau heute, als Mutter, Berufs- und Ehefrau fast aufgleisen muss. Im Büro wird Jetta oft für ihre Ruhe bewundert, die sie selbst in unmöglichen Situationen bewahrt. Doch unter der Oberfläche beginnt es zu brodeln, Jetta hat Mühe, ihre pubertierende Tochter zu bändigen, der leicht jüngere Sohn ist da doch einfacher zurzeit, aber etwas zurückgezogen manchmal vielleicht, auch dies stimmt Jetta nachdenklich. Ihr Mann ist nicht wirklich eine grosse Hilfe, mit seinem Fachwissen als Therapeut, bringt er seine Frau eher in Rage, als dass er Erziehungsarbeit mitgestaltet. Eigentlich sind sie als Ehepaar zurzeit auch nicht wirklich lebendig miteinander unterwegs, eher ein Nebeneinander den Alltag meistern ist es. Ihre Nachbarn, mit welchen sich die Freundschaft zurzeit gerade etwas vertieft, die haben ein feines Leben, Jetta bewundert die Karte mit der Einladung zur Vernissage ihrer Nachbarin, welche als Künstlerin Erfolge feiern kann. Ja und der Mann ist Architekt, die Kinder scheinen auch wohlgeraten zu sein, empfindet Jetta etwa Neid? Eines Abends bleibt Jettas Blick auf den Patientenakten ihres Mannes hängen, da steht der Name des Architekten und Jetta bricht alle Regeln und ihre Ethik, sie wirft einen Blick hinein, die Neugierde ist einfach zu gross. Jetta erlebt einen dieser Tage, der Sohn findet seine Fussballschuhe nicht, die Tochter muss angehalten werden, sich neu und weniger hautfrei anzukleiden und schon droht Jetta zu spät zu ihrem wichtigen Arbeitstermin zu kommen, was ihr noch nie passiert ist bislang. Zügig parkt sie ihr Auto aus und fährt los, da holt sie der gellende Schrei ihres Sohnes mitten aus dem Alltag in die Hölle … Sie hat die geliebte Katze angefahren, ihr Termin ist vergessen, auf dem Rücksitz ist das Weinen ihres Sohnes genau so grauenhaft wie das klägliche Wimmern der Katze. Jetta hofft inständig, das Tier möge überleben, aber es muss eingeschläfert werden. Jettas Leben gerät immer mehr aus der Bahn nach diesem Ereignis, denn ihre heimliche Einmischung in das Leben anderer, sprich ihrer Nachbarn, löst eine Kettenreaktion nie geahnten Ausmasses an. Jetta bricht zusammen und landet in einer Klinik, hat sie noch weitere Leben auf dem Gewissen durch ihr Handeln, vielleicht gar ihr eigenes? Jetta muss neu lernen zu fühlen, wer sie ist und was ihr Leben, doch auch ihr Mann hat einen harten Weg vor sich, denn er ist gänzlich aus der Rolle gefallen. Was wird aus den Trümmerhaufen zweier benachbarten Familien?

Gerlinde Michel / Der Brief


Fazit: Frau und Alltag heute, ein Zusammenbruch …
Gerlinde Michel hat auf eindringliche, präzise Weise die Befindlichkeit einer Frau in der heutigen Zeit beschrieben. Wir können Jetta und ihr Leben völlig nachvollziehen. Ein Riss, ein Ereignis lässt die Fassade bröckeln und die Protagonistin Jetta straucheln und schliesslich fallen. Aber wir begleiten Jetta auch noch weiter. Nebst Jetta wartet dieser Roman auch mit weiteren interessanten Protagonisten auf, Familienstrukturen, die Ehe und ganz eindringlich auch das Leben der Teenager zeigen sich uns realitätsnah und auf beeindruckende Art und Weise. Ein aktueller Buchtipp, ein spannendes Buch!

Meine Wertung: 8/10

Gerlinde Michel / Der Brief
Verlag: edition 8, Seiten: 192

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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