Ellen lebt mit Ihrer vierundzwanzigjährigen Tochter Amalia und mit ihrer alten Mutter Hildegard Tunkel in dem Haus, das sie nun bald erben soll, denn ihre weiteren fünf Geschwister wurden ausbezahlt. Die Tunkelfrauen gelten als verschworene Gemeinschaft, ja fast als eine männerfeindliche. Eigentlich muss der drei Generationen Haushalt recht karg geführt werden, denn es mangelt den Frauen ständig an Geld. Nun aber haben Amalia und Ellen gute Kleidung ausgeliehen und stechen bald in See mit einem Luxuskreuzer, wie das zustande gekommen ist, können die beiden Frauen immer noch nicht recht fassen, plötzlich stand da dieser vermeintliche Halbbruder von Ellen vor der Türe. Tatsächlich kam mit Gerd auch die Tatsache auf den Tisch, dass der Vater Tunkel noch mit einer anderen Frau einen Sohn hatte, aber für Ellen und Amalie kamen weitere Enthüllungen der Familie zutage, welche beinahe das schöne Verhältnis zwischen Ellen und ihrer Mutter zerrüttet hätten. Gerd fühlte sich irgendwie verantwortlich für den ganzen Schlamassel, welcher mit seinem Erscheinen losgetreten wurde und so sind sie nun zu viert an Bauart. Gerds Frau Ortrud stellt sich als passionierte Alkoholikerin heraus, ohnehin kann Ellen diese dünne Architektin nicht leiden und verfolgt mit Wonne jede Auseinandersetzung zwischen ihr und Gerd. Denn Gerd ist der Mann, der Ellen wieder an die Männer glauben lässt, dank der familiären Enthüllungen weiss sie auch, dass sie ihn lieben dürfte, und malt sich bereits eine Zukunft mit Gerd aus. Tatsächlich findet Ellen ihre Gefühle erwidert und geniesst jede Stunde mit Gerd, aber dessen Frau blamiert und quält Gerd immer und immer wieder. Ach soll er sich doch von dieser schrecklichen Person trennen, träumt Ellen noch, doch dann ist Ortrud plötzlich weg. Ist Ellen nun am Ziel ihrer Träume angelangt?
Fazit: Frau Noll ist eine Offenbarung!
Familiengeheimnisse und Skandale sind ja immer eine gute Sache, bei Ingrid Noll aber werden Sie zu einer Gesamtkomposition, welche ihresgleichen sucht. Die Sehnsucht der Menschen nach einem gewissen Ziel, die Kraft die diese entwickeln um diese Ziele zu erreichen, dieses Szenario, das zeichnet keine so gut wie Noll. Nolls Figuren sind echt, einzigartig und abgründig, oft gar Angst einflössend, denn sie setzen in die Tat um, was wir uns meist nur in Gedanken trauen oder nicht einmal dort. Noll lesen heisst sich auf eine kurze Nacht einzustellen und sich auf alles gefasst zu machen. Diese Frau Noll, ja das ist mir eine!
Meine Wertung: 9/10
Ingrid Noll / Über Bord
Verlag: Diogenes, Seiten: 336
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