Es ist ein etwas zurückgezogenes Leben, auf einer kleinen Insel vor Helsinki namens Suomenlinna, welches Katariina führt. So stimmt es für die verschlossene, oft wortkarge Frau. Ihr Mann Olli ist Fotograf, immer auf der jagt nach den Bildern, welche die Wahrheit zeigen, die gemeinsame Tochter Elina ist das Wichtigste in Katariinas Leben, dies verletzt Olli ein wenig. Katariinas Stimme ist wohl die Bekannteste im ganzen Land, sie hat sowohl die Stimmaufnahmen für Navigationsgeräte gemacht wie auch zahlreiche Stücke und andere Sachen gesprochen. Doch bei den neusten Aufnahmen ist ihre nüchterne Stimme für einmal gar unprofessionell, die Nachricht vom Tode ihres Vaters hat Katariina erschüttert. Der Tod eines Vaters, den sie nicht gekannt hat, der sie verlassen hat und der sie nun dermassen zum Weinen bringt. Nur Olli ist es zu verdanken, dass Katariina es schafft, die paar Habseligkeiten ihres Vaters in einer kleinen Pension abzuholen. Wer war dieser Mann, der in einem kleinen anonymen Zimmer starb? Diese Frage verfolgt die Tochter noch weitaus nachhaltiger als ihr lieb ist, völlig aus der Bahn wirft Katariina die Tatsache, dass sie noch drei Halbgeschwister hat, fatalerweise heissen ihre beiden Halbschwestern genau gleich wie sie und dann ist da noch der Halbbruder Markus. Das Unausweichliche holt Katariina ein, das Treffen mit den Halbgeschwistern. Und das ist eine Tortur zwischen Faszination und Katastrophe, für alle Beteiligten. Immer verwirrender gestaltet sich das Bild um den Vater, viele Varianten erzählen eine Sicht auf diesen Mann, sicher ist wohl nur, dass trotzdem nichts der Wahrheit entspricht. Schliesslich fragt man sich, wohin hat bloss alles geführt, und die Antwort darauf ist verblüffend.
Fazit
Dieser Roman ist absolut einzigartig! Da begegnen wir dieser besonderen Frau Katariina und fragen uns auch, wer ihr Vater war und dann treten allerlei Personen aus ihrer Familie und aus dem Umfeld des Vaters auf und erzählen uns aus ihrer Perspektive. Was wir vernehmen, ist ein karges, knappes, ein geheimnisvolles Lebensbild eines speziellen Vaters, der genauso spezielle Kinder zurück- und alleingelassen hat. In das Leben dieser Alleingelassenen erhalten wir aber einen so unvermittelt tiefen Einblick, dass wir ihre Geschichten nie wieder vergessen werden.
Meine Wertung: 9/10
Katja Kallio / Die Zeit der Zugvögel
Verlag: Krüger, Seiten: 346
Weitere Buchbesprechungen die Dich interessieren könnten:
Merete Morken Andersen / Ein Meer aus Zeit
Die sechzehnjährige Ebba weiss ganz genau was sie tut, als sie an diesem Mittsommermorgen das Haus verlässt. Sie trinkt noch ein Glas Orangensaft, dies leere Glas füllt dann den Geschirrspüler, welchen sie nun zuklappt und anlässt… Ebba zieht sich die Stiefel ihrer Mutter über die Füsse, nimmt das Seil aus...
Lukas Hartmann / Die letzte Nacht der alten Zeit
In einer kühlen Märznacht im Jahre 1798 legt ein Boot ab von Thun aus, Flüchtlinge sind es, welche nun der Kälte harren, bangen und hoffen, alle haben sie ihre Geschichte. Da ist Maria, die junge Wäscherin wuchs bei einer Pflegemutter auf und verliess diese dann, weil sie den Greisen nicht...
Anne-Laure Bondoux / Die Zeit der Wunder
Im Jahr 1992 ist Koumail sieben Jahre alt und er lebt mit Gloria in einem Haus voller Flüchtlinge irgendwo im Kaukasus. Gloria nennt ihn oft Monsieur Fortune, Jeanne Fortune, ihren kleinen Franzosen, ihr Wunder. Koumail ist nämlich auf dem Weg in seine Heimat und Gloria will ihn nach Frankreich bringen,...
Jón Kalman Stefánsson / Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit
Ein Bisschen aufgeregt ist er schon der zehnjährige Junge, als er seine erste Flugreise aus seiner Heimat Island nach Norwegen bestreitet. Doch angekommen im “Süden”, erlebt er einen kunterbunten Sommer, mit seiner strengen Grossmutter, dem um so lieberen, verschmitzten Grossvater, einer Schwester, die nur eine halbe Schwester ist und mit...
Katja Henkel / Rosa Rabenstein (1 neue Nachricht)
Rosa Rabenstein ist dreizehn Jahre alt, eigentlich mag sie ihre Familie ganz gerne, hänselt ihren kleinen Halbbruder Heinrich fürs Leben gerne und mag den Stefan als Ersatzpapa so gut, dass sie sich noch immer nicht dazu aufgerafft hat, ihren richtigen Papa aufzusuchen, obschon Mama diesen lobt und ihr sofort dabei...
Arno Geiger / Der alte König in seinem Exil
Der Vater kann nichts mehr mit seinen zwei Socken anfangen, er fragt den Sohn bloss, wo denn der dritte sei. Aber Demenz und Alzheimerkrankheit vermögen Vater und Sohn nicht zu entzweien, im Gegenteil, der Sohn nimmt den Vater mit ganz neuen Augen wahr, bekommt ihn auf eine ganz neue einzigartige...


