Sie liegt in ihrem Krankenbett und es ist Ihr Ende, die Stimmen mag sie nicht, sie will jetzt ihre Bilder sehen, in Ruhe sehen, was war. Kleinkindererinnerung, der Opa war ihr schnelles Pferd, immer mehr und mehr musste das Pferd mit ihr durch den Schnee traben. Im Kindergarten, der erste Verlust, es kommt eine andere und schnappt sich den von ihr Geliebten pausbäckigen. Angst, unvergesslich, als Kind beim Verstecken spielen nicht gefunden zu werden und vergessen worden sein. Krankheit, Hirnhautentzündung, Eltern in Sorge, Lehrerin taktlos, alles gut überstanden. Die grosse Liebe gefunden? Nein, doch nicht, der erste grosse Herzschmerz, es folgen weitere. Sie verlässt den vermutlich Richtigen, für die schönen blauen Augen, des eigentlich Falschen. Ihre Mutter stirbt, ausgerechnet dann, wenn sie ihren Hilferuf als nichtig abgetan hat, Trauer. Mutterfreuden, die Geburten, einschneidende Momente, der Vater glänzte durch Abwesenheit Affären, Enttäuschung, Verlassen werden, die jüngere Konkurrentin nicht ausstechen können, vor ihm sitzen und sich nicht mehr jung fühlen und anhören, welch Glück er empfinde im Altern erneut Vaterfreuden zu erleben. Wut? Freundschaften und immer wieder die Liebe, das Alter und der Verlust, Verlust an Lust und Sexualität. Lebensabend und jetzt also Feierabend, was hat gezählt, was war ihr wichtig, was hat ihr Leben ausgemacht?
Fazit: Ein Geschenk vom Lesen ans Leben!
Manuela Reichart liefert mit ihren kurzen intensiven Szenen eines Lebens Ihrer Protagonistin ein zugleich verstörendes wie auch betörendes Zeugnis von Vergänglichkeit. Ein Leben, was hat es ausgemacht, welche Ereignisse haben sich unauslöschlich eingeprägt? Wo steckt man selber im Leben, das fragt man sich vielleicht nach dieser Lektüre und ich für mich, habe heute die Sonne, die Blumen, unsere lauten wilden Kinder und mein leckeres Eis viel bewusster genossen und das empfinde ich als grosses Geschenk, ein Geschenk vom Lesen ans Leben!
Meine Wertung: 8/10
Manuela Reichart / Zehn Minuten und ein ganzes Leben
Verlag: S. Fischer, Seiten: 110
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Als Mann ist man versucht, ein Pendant zu schreiben. Erlebnisse und Gedanken in einfachen Worten und Sätzen nachvollziehbar aufgeschrieben. Die Inhalte gipfeln in verblüffenden Schlussätzen. Schlicht. Grossartig.