Marco Balzano / Das Leben wartet nicht

by Manuela Hofstätter on 21. Februar 2017

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Ninetto, ein kleiner Junge in einem sizilianischen Dörfchen, kennt den Hunger gut, seinem Spitznamen „Pelleossa“ (Hautundknochen), dem entspricht er bestens, so dünn ist er. Er hasst den salzigen Geschmack der Sardellen, eine Sardelle auf einem Kanten Brot stellt über Jahre sein Mahl für den ganzen Tag dar. Aus Hunger wurde er zum Dieb, mit Peppino, dem einzigen wohl noch ärmeren Jungen, gelangen mache Raubzüge, sogar die schwierigsten beim kleinen, streng bewachten Lebensmittelladen. Aber zum Glück durfte Ninetto die Schule besuchen und er liebte seinen Lehrer, welcher in der Tat ein guter Lehrer war und dies prägt Ninetto für sein ganzes Leben, er ist wissensdurstig, ein guter Schüler. Aber dann zeigt sich das Leben noch von einer härteren Seite, Ninettos Mutter ist nach einem Schlaganfall völlig zerstört, Ninetto muss die Schule abbrechen und mit seinem Vater zur Arbeit gehen, aber die Armut wird immer grösser und die Mutter muss in ein Heim gebracht werden, was natürlich auch Geld kostet. So wird Ninetto geschickt eingetrichtert, dass es ein grosses Glück sei, wenn er mit einem Bekannten in den Norden, nach Mailand reisen kann, um dort sein Glück zu machen, denn in Mailand gibt es Arbeit, Geld, in Mailand finde man sein Glück. So zieht Ninetto aus, landet bei der Familie des Bekannten im „Bienenstock“, dem heruntergekommensten Bau in Mailand, in welchem nur Arbeiterfamilien aus dem Süden leben. Bei einer Wäscherei findet Ninetto seinen ersten Job, mit dem Fahrrad liefert er die Wäsche aus, bald fliegt er aus dem Bienenstock, kommt in einer Herberge unter und bekommt einen besseren Job wie auch endlich einmal genug zu Essen. Dann endlich kommt der ersehnte 15. Geburtstag, nun darf Ninetto in einer Fabrik arbeiten, mehr Geld, das ist schön, aber die Arbeit ist wirklich zum Verblöden. Aber es werden dann doch etliche Jahre, die Ninetto bei Alfa Romeo in Mailand arbeitet, geholfen hat ihm dabei sicher die Tatsache, dass er währenddessen seine Frau Maddalena fand, Vater einer entzückenden Tochter wurde und sich in der Gewerkschaft engagierte. Doch dann macht Ninetto einen Fehler, seine Eifersucht ist schon immer sein Problem gewesen und nun landet er für zehn Jahre im Knast. Als er wieder heimkehrt, ist er Grossvater geworden, Maddalena ist immer noch bei ihm, aber er hat seine Enkelin noch nie gesehen. Wird Ninetto sein Leben erneut meistern und kann er die kleine Lisa einmal mit dem Fahrrad mitnehmen, ihr würde er seine Geschichte erzählen, mit ihr würde er zum „Bienenstock“ radeln und ihr die Ärmsten dieser Zeit zeigen, Flüchtlinge aus Nordafrika, China und anderen Ländern.

Fazit: Ein kleiner Junge, Camus und das Leben!
Kinderemigration in Italien zwischen 1959 und 1962 auf ihrem Höhepunkt, der Autor Balzano hat mehrere Gespräche mit Betroffenen geführt, welche heute immer noch in Mailand, Genua oder der Umgebung leben und zum Teil noch arbeiten. So entstand der Roman, der uns die Geschichte von Ninetto erzählt, geschrieben ist er in einer wundervollen Sprache, einprägsam und authentisch. Die Armut und der Hunger, der Überlebensdrang und die Arbeitskraft, die die süditalienischen Kinder haben mussten, sind schlicht unfassbar, es beeindruckt tief, mit Ninetto Einblick zu erhalten in ein solches Leben. Aber Ninetto schafft es auch trotz eines schlimmen Knicks in seinem Leben, genau dieses zu meistern und immer die Hoffnung noch ein wenig im Herzen zu behalten, selbst in seiner grossen Verzweiflung.

Meine Wertung: 9/10

Marco Balzano / Das Leben wartet nicht
Verlag: Diogenes, Seiten: 304

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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