So, nun ist es an der Zeit, einmal Klartext zu sprechen: Verfluchte Optimisten, hört hin! Es gibt Situationen im Leben, da kann ein Mensch einfach nicht mehr, da ist alles zu viel und man ist am Boden, völlig am Ende, am Tiefpunkt angelangt, nichts geht mehr. Ja, und nun bist du in einer solchen Situation und das sieht man dir auch an, oder du sagst es sogar noch mit letzter Kraft. Oha, jetzt schlagen sie voll zu die Optimisten. «Ach hör mal. Es könnte schlimmer sein… denk doch mal positiv… eigentlich geht es dir doch gut…. du schaffst das schon!» etc. etc. Mein absoluter Lieblingsspruch in solchen Momenten ist: «Du musst eben das Glas halbvoll sehen!» Wenn ich das höre, diesen doofen Spruch, diese Binsenpseudopositivelaunemachenpsychologie, dann krieg ich so eine Wut im Bauch.
Ganz ehrlich, wenn ein Mensch ständig leere Gläser serviert bekommt, kann er sie unmöglich halbvoll sehen. In unserer Wir-haben-keine-Probleme-und-sind-super-gut-drauf-Gesellschaft ist es so ungefähr das Dümmste für Menschen, sich in einer Notlage zu befinden. Denn die Gute-Laune-Optimisten sind bloss für hohle Sprüche gut, Hilfe konkret kann man von ihnen meist nicht erwarten. Ratschläge, oh ja, Ratschläge liefern sie gerne ab, die Optimisten.
Ich, der angeblich ewige Pessimist, ich helfe, wenn ich spüre, dass ein Mensch ein leeres Glas hat, ich versuche zu ihm hinzugehen, ihn zu umarmen, zu fragen, was kann ich für dich tun? Manchmal kann ich nicht hingehen, dann höre ich richtig zu und ich gebe dem anderen recht, ich bestätige sein Leid. «Ja, dir geht es wirklich beschissen, das ist echt schlimm!» Komischerweise, liebe Optimisten, geht es dann dem leidtragenden Menschen meist besser, auch wenn ich ihm gar keine Lösung habe, für seine Nöte. Umarmt werden, inniglich, das ist zum Beispiel eine der grössten und stärksten Trostgesten überhaupt. Wer kann Heute noch jemanden richtig und herzlich umarmen? Ha, ich der Pessimist, ich kann das richtig gut und erreiche damit das Unglaublichste. Leere Gläser kann man so oft auf wundersame Weise füllen. Manchmal fülle ich leere Gläser auch mit Tränen, randvoll. Weinen ist etwas Starkes, Reinigendes und Gutes.
Im Grunde genommen sind die Wörter Optimist und Pessimist wohl falsch herum vergeben, denn im Grunde genommen ist der Pessimist der positivere Mensch, und der ehrlichere. Der Pessimist steht zu seinen Ängsten, tut sie gar kund, er ist unverfälscht, echt, er muss nicht ständig gute Laune haben und diese verbreiten.
Also, wenn Pessimisten lachen… Oh Mann, dann stossen sie die halbvollen Gläser der Optimisten um und füllen Badewannen, ja Meere mit leckerstem Wein und stossen auf das Leben an. Eigentlich finden Pessimisten die Optimisten ganz lustig, denn es ist doch herrlich sind wir Menschen nicht alle gleich. Gäbe es kein Schatten, gäbe es kein Licht!
Diesen Text widme ich der Hebamme, welche uns bei unserem zweiten Baby begleitete, sie hat mir echt geholfen und ist eine starke Persönlichkeit. Nebenbei, hat sie mich in hormonell bedingt übleren Stunden zu diesem Text inspiriert.
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