Aus dem Leben einer Buchhändlerin im November

by Manuela Hofstätter on 23. November 2013

Ich war eine recht mürrische Teenagerin, wuchs bei meinen Grosseltern auf und konnte nicht verstehen, warum ich in eine solche Familie hineingeboren worden war. Das will ich hier auch nicht weiter erläutern, nur soviel, Bücher gehörten nicht in den Alltag meiner Erzieher. Oft wurde ich recht ausfallend gegenüber meiner Grossmutter, sie las Groschenromane, nur Groschenromane, das konnte nicht gut gehen zwischen uns. Heute tut es mir leid und ich denke oft an die Worte meiner Grossmutter, dass ich dann schon noch meine Hörner abstossen werde und dass sie dann vom Himmel runterschauen werde, wie ich so alles auf die Reihe kriege. Nun, heute habe ich im weitesten Sinne auch Horn abgestossen, es war nicht mehr zu umgehen, dass ich mich wieder einmal auf einen Coiffeurstuhl setzte. Nicht. dass es jetzt etwas Schlimmes für mich ist, dort hinzugehen, es nervt mich bloss jeweils, dass ich dort doch recht lange sitze und den Small Talk nervig finde und gewöhnlich danach meistens schnellstmöglich heimeile und die mir Haare wasche und selbst neu frisiere. Zudem rechne ich mir immer aus, wie manches Buch ich mir hätte kaufen können, wenn denn dieser Haareabschneider nicht hätte sein müssen. Mittlerweile habe ich eine Coiffeuse, die mich weitgehend unbehelligt lässt, und wenn wir etwas plaudern, mag ich den Gesprächsinhalt sogar recht gerne und sie schneidet mir die Haare immer so, dass ich wirklich wohl bin. Das absolut Beste aber ist, ich kann bei einem Coiffeurbesuch am helllichten Tag Bücher lesen, das kommt in meinem Leben ja nun wirklich kaum mehr vor. Also bin ich nahezu euphorisch losgezogen heute Morgen, nur um dann im Bus mit blankem Entsetzten festzustellen, ich habe kein Buch eingepackt und auch nicht meinen Reader!

nesbø koma

Ich bin nie, absolut nie ohne Stoff unterwegs, traurig schreibe ich meinem Schatz, der zu Hause “Kinder bespassen” auf dem Programm hat, per SMS von meinem Missgeschick. Noch bevor ich erste Haare lasse, entdecke ich auf meinem iPhone den Eingang eines Buches. Dies sind die Momente im Leben, da bin ich mir so sicher, ich habe den Richtigen geheiratet, der mich auch mit der nötigen Technik vertraut gemacht hat, denn ohne ihn, hätte ich vermutlich immer noch keinen Reader und kein iPhone. Ich habe in den letzten Wochen viel gelesen und es liegen noch riesige Stapel Bücher bereit von diesem Jahr. Ich weiss schon genau, ich schaffe es niemals, diese alle noch zu lesen in den wenigen Wochen, welche das Jahr 2013 noch zu bieten hat. Gegen Ende des Jahres werde ich immer ganz kirre, denn ich will und soll immer die neuste Belletristik gelesen haben. Eh ja, ich lese sehr vieles, weil ich soll, es sind immer Bücher, die ich lesen mag, dies schon, aber oft verbieten mir meine Engagements, dass ich etwas lesen kann, das ich sofort lesen möchte. Ja, und nun hat mein Schatz mit wohlwissentlich kein “muss gelesen werden” Buch zugesendet, nein, er hat mir meinen heiss geliebten Nesbø, den neuen, zukommen lassen. Ich geniesse das Lesen also noch weitaus mehr, als dies ohnehin der Fall ist, und eines ist klar, einen angefangenen Nesbø, den kann man nicht zurücklegen, ich werde “Koma” weiterlesen, was sein soll, das wird! Meine Grossmutter guckt noch von nirgendwo runter, sie sitzt leider völlig dement im Heim, aber wenn sie mich völlig losgelöst und fast im Sekundentakt auf meinem iPhone herumfingernd hätte sehen können, ich bin sicher, der Hörner-Spruch oder so ein ähnlicher, der wäre fällig gewesen. Das ist doch das eigentliche Wunder beim Lesen, so völlig losgelöst sein zu dürfen! Wo war ich jetzt noch mal?

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

Letzte Artikel von Manuela Hofstätter (Alle anzeigen)

Share on Pinterest
There are no images.
Share with your friends










Submit

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment