Aus dem Leben einer Buchhändlerin im Juli

by Manuela Hofstätter on 20. Juli 2013

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Shades of Grey

So, die Urlaubstage sind vorbei, ich stehe voller Elan wieder in der Buchhandlung und es ist immer noch Sommer. Es ist heiss und ich gestehe euch jetzt hier ein heisses Geheimnis, ein Unding sondergleichen! Ich bin am “Shades of Grey” lesen. Ja, kein Witz. Kein überaus enthusiastischer Nachbar, keine begeisterten Freundinnen mochten mich zu dazu bewegen, diesen sogenannten Schund zu lesen. “Das Papier nicht Wert, auf dem es geschrieben steht”, so lautet die allgemeine Meinung unter den Buchhändlerinnen, die ich kenne. Verkaufen aber, oh ja, diese Bücher, verkaufen sich gut und das freut das Buchhändlerinnenherz und rettet manche Zahlen. Nun, ein Mann hat es jetzt vollbracht, und wenn ich diese Kolumne geschrieben habe, lese ich unverzüglich den ersten Band von “Shades of Grey” zu Ende.

Aha, der Ehemann war’s, werdet ihr jetzt vermutlich denken. Weit gefehlt, der liest den “Schund” auch nicht, aber offenbar unser Dorfpfarrer. Ich schätze unseren Dorfpfarrer sehr. Nicht, weil ich eine besonders gläubige Christin bin, nein im Gegenteil, weil er ein liberaler Pfarrer ist, einer in reifen Jahren, aber einer, der sich traut, über alles zu reden und eben auch zu predigen. Dieser Pfarrer bringt selbst mich dazu, ab und an eine Predigt zu besuchen – oder meine eigene Hochzeit. Denn bei ihm ist das immer eine Sache, die zum Denken anregt und wertvoll ist. Unser Dorfpfarrer ist zudem Ethiker, hat gar ein Fachwerk zu diesem Thema geschrieben, also ein Professor Pfarrer. Und trotzdem ist für mich eines am wichtigsten daran; er ist vor allen Dingen menschlich. Jetzt hat er also tatsächlich im Laden gestanden und mit grossem Eifer und überschwänglicher Freude von seiner Predigt über das “Hohelied der Liebe” und “Shades of Grey” erzählt und mir überzeugend ans Herz gelegt, dass er nicht verstehen kann, warum ich diese Bücher nicht lesen wolle. Dass es sich nicht um eine literarisch fein geschriebene Sache handle, das sei wohl klar, aber dass man in den Büchern viel über die Liebe erfahre, weil das Paar viel miteinander spreche, das hat mich dann doch ziemlich verwirrt. Ich habe bestimmt die Predigt des Jahrhunderts, ach Quatsch, des Jahrtausends verpasst.

Darum leiste ich jetzt Busse und lese das Zeugs jetzt. Band eins wird noch heute ausgelesen. Ich muss gestehen, ich bin nicht ganz und gar entsetzt, ich kann eigentlich nur eingestehen, dass ich beim Lesen recht heiss bekommen habe, aber es ist ja Sommer, nicht wahr? Nun, wenn der Pfarrer eine Predigt diesen “sündigen” Büchern widmet, dann werde ich es vermutlich dann auch riskieren, diese dann auch zu rezensieren und eine Lanze zu brechen für all die Vorurteile und Verhöhnungen gegenüber diesen Büchern, welche dem Buchhandel nicht wegzuredende Umsatzzahlen bescheren. Ja, was soll ich noch schreiben, vielleicht, dass ich gerade lustvoll neue Wäsche eingekauft habe? Nun, wer sich jetzt ernsthafte Sorgen macht um mich, der sei beruhigt. Der Franzerl, der rettet mich aus dem sündigen Pfuhl und bringt mich wieder aufs rechte Gleis. Ich lege “Shades of Grey” freiwillig beiseite, denn der neue Franz Hohler, “Gleis 4”, der will sofort gelesen werden!

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 Käthi Krüger August 13, 2013 um 16:26 Uhr

Liebe Manuela Hofstätter,
Shades of grey werde ich wohl trotzdem nicht lesen, muss mit der Lese-Zeit sparsam umgehen bei dem Angebot, vielleicht mal als Hörbuch im Auto hören.
Aber Ihre Besprechungen sind mir wichtig! Und Ihre Webseite ist mir überhaupt die liebste von allen.
Mit herzlichem Dank und ebensolchem Gruss!
Ihre Käthi Krüger

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