Aus dem Leben einer Buchhändlerin im März

by Manuela Hofstätter on 26. März 2013

Ansprechfibel

Ansprechfibel

Ich übe meinen Beruf auch darum so gerne aus, weil es einfach richtig schön ist, neugierig zu bleiben und ständig neue Themengebiete zu entdecken. Ich bin schon ein bisschen stolz darauf ein recht breites Spektrum an Wörtern den richtigen Bereichen zuordnen zu können. Ein Beispiel, wenn mir jemand anvertraut an Dentophobie zu leiden, dann fühle ich nicht nur mit, weil mich beim Gedanken an den Zahnarztbesuch ebenfalls die nackte Panik ergreift, sondern, weil ich eben verstanden habe, von welcher Phobie mir da erzählt wird. Ich bestelle auch keine Bücher über Pferderassen oder Reittraining, wenn sich jemand für den “Blauen Reiter” interessiert und so schwierig auch manche Anfrage ist, sie wird von Buchhändlern meist auf Anhieb verstanden. Nun, bei all meiner Ehre und der Freude am breiten Wissen unseres Berufsstandes, ist mir doch eben gerade auch am Wichtigsten zu sagen: “Ich weiss, dass ich nichts weiss!”

Zur Veranschaulichung dieser wahrlich weisen Worte folgende Begebenheit aus meinem Berufsalltag: Ein bekannter Kunde betritt unsere Buchhandlung, er ist charmant, recht gut aussehend und er weiss das aber auch sehr genau und er hat durch seine dazu sehr selbstsichere Art fast etwas Überhebliches an sich, was mich auch ein klein wenig provozieren kann. Sogleich gibt er mir strahlenden Blickes seine Bestellung an, er will gerne die Ansprechfibel für Rotwild bestellen. Es gibt Tage, da ist mein Hirn etwas auf Eis gelegt. Nun, genau bei dieser Bestellung hat es sich wohl sogar gänzlich verabschiedet, denn obwohl ich weiss, dass ich einen passionierten Jäger vor mir stehen habe, schmunzle ich wohlwollend und korrigiere den hübschen Mann mit den Worten, “Ja, sie meinen sicher die Anpreschfibel, ich gebe das gleich mal ein.” Bereits sein breites Grinsen im Gesicht hätte mich davon abhalten müssen, tatsächlich nach Anpreschfibel zu suchen, aber nein, ich habe dieses Wort wirklich in den Computer eingegeben und war irritiert, nicht auf Anhieb fündig geworden zu sein. Ein Rest Hirn meldete sich zeitgleich mit einer völlig irren Hitze in meinem Schädel an; was hatte ich gesagt? Mit etwas Fantasie wäre ja die Anpirschfibel noch eine halbwegs verständliche Wortfindung meinerseits gewesen, aber nein, ich wollte ja eine Anpreschfibel bestellen. Natürlich ist mir die Sinnlosigkeit einer solchen Fibel völlig klar. Garantiert kommt es keinem Rotwild in den Sinn, einen Jäger anzurennen, zu ihm herbeizustürzen, nein, kein Wild prescht zum Jäger. So gerne ich auch plausibel begründen würde, nein, es macht auch keinen Sinn, wenn der Jäger das Wild anprescht, er ist nun mal zu langsam und die Sinne des Tieres eindeutig zu gut, als dass ein solches Verhalten von Erfolg gekrönt sein könnte. Nun denn, mein lieber Kunde konnte sein Grinsen nicht ganz unter Kontrolle bringen, und er erklärte mir geduldig und wortreich den Sinn, Zweck und Inhalt seiner gewünschten Ansprechfibel für Rotwild.

Und was ist der Sinn dieser Geschichte? Bitte haben Sie Geduld mit Ihrer Buchhändlerin, sie kann schliesslich nicht alles wissen und ist auch nur ein Mensch. Ich träume nun ab und zu von Jägern, welche auf Rollschuhen mit Raketenantrieb ihrem Wild nachpreschen und ich muss sagen, ich achte seither noch viel genauer darauf, was meine Kundschaft wünscht und sagt.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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