Abbas Khider / Die Ohrfeige

by Manuela Hofstätter on 11. September 2016

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Er hat sich wirklich Mühe gegeben in der Schule und möchte auf keinen Fall ins Militär eingezogen werden, denn er weiss, dort würde er als Lustknabe misshandelt werden. Er ist sich dessen ganz sicher, denn er ist der Mann mit der Gynäkomastie, der Mann mit Brüsten. Dieses verhasste Geheimnis verrät er dem Vater nicht, einzig, er möchte nicht ins Militär, er möchte seine Heimat, den Irak, verlassen. Der Vater ist stolz auf seinen Sohn, er bezahlt ihm die kostspielige Reise mit Schleppern nach Europa, der Sohn wird dort seinen Weg machen, sicher viel Geld verdienen und der Familie in die alte Heimat dann auch welches Senden können. Alles wird gut und schliesslich haben sie schon ein Familienmitglied, welches in Frankreich glücklich lebt. Aber es kommt alles ganz anders heraus, er landet in Deutschland, das Leben im multikulturellen Durchgangsheim ist zuweilen komisch, kriminell bis unfassbar, keine eigene Wohnung, nicht einmal arbeiten darf er vorerst. Durchkommen als Flüchtling, das heisst die Lüge zu perfektionieren, den Ämtermarathon zu überstehen, selbst Frau Schulz kann man überleben. Frau Schulz leistet gar einmal nützliche Dienste, als er seine Geliebte, übrigens seine erste Frau im Bett, länger beglücken können will. Er hat so viele unglaubliche Geschichten über andere Flüchtlinge vernommen, über die Liebe, den Überlebenskampf in einem neuen Land. Doch dann erlebt seine Heimat den Umsturz, Saddam ist Geschichte, also will Deutschland die Iraker umgehend in ihre Heimat zurückverfrachten. Er nicht, er wird erneut flüchten, so wie Amir unbedingt eine Bank ausgraben und wegtragen will, auch will er nicht enden wie der arme Rafid, der gänzlich den Verstand verloren hat, er muss weg, nach über drei Jahren Deutschland, Lidel, Aldi und aberwitzigen Erfahrungen steht er wieder ganz am Anfang. Erneut Flucht, Schlepper, Angst, Neuanfang, Sprachlosigkeit, Neuland und dies alles immer noch mit den verfluchten Brüsten, die er doch wegoperieren lassen wollte mit seinem wohlverdienten Geld im hochgelobten neuen Land.

Abbas Khider / Die Ohrfeige

Fazit: Alles Lüge oder die Wahrheit über den Wahnsinn im Leben der Menschen auf der Flucht?
Abbas Khider schreibt dicht und beladen, die Geschichten sind fast des Guten zu viel und damit wohl immer noch nur ein Zipfelchen der wahren Situation im Flüchtlingsleben. Diese Ohrfeige trifft uns und sie brennt noch lange Zeit auf unserer Wange. Was wir schon wussten, wird infrage gestellt, was wir vernehmen, das verwirrt uns, ungläubig wiegt man den Kopf und ich bin sicher, wir haben noch immer kaum eine Ahnung! Khiders Roman hat mich zugleich erschüttert und beeindruckt und er zeigt auf, wie dramatisch schwierig das Leben der Menschheit im Heute mit den Unterschieden der Religion, der Kultur und der verschiedenen Menschen ist, und was ebendiese Menschen anrichten können…

Meine Wertung: 8/10

Abbas Khider / Die Ohrfeige
Verlag: Hanser, Seiten: 224

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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