Alain Claude Sulzer / Unhaltbare Zustände

by Manuela Hofstätter on 13. Oktober 2019

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2019
Büchertalk: Alain Claude Sulzer / Unhaltbare Zustände

Sommer 1968, das Quatre Saisons in Bern gehört zu den angesehensten Warenhäusern überhaupt, es ist insbesondere für seine wunderschönen Schaufenster bekannt. Diese Schaufenster, deren Gestaltung, das ist der Inhalt im Leben Stettlers, seit Jahrzehnten lebt er einzig und allein für seinen Beruf, seit seine Mutter gestorben ist, ist er alleine in der gemeinsamen Wohnung geblieben. Doch dann geht ein Beben durch Stettlers Leben, es trägt den Namen Bleicher, ein neu eingestellter, junger Schaufensterdekorateur.
Lotte Zerbst ist Radiopianistin in Berlin, nie wollte sie etwas anderes sein als eine angesehene Pianistin, dafür hat sie alles geopfert, sie ist alleine und findet das meist gut, einzig in gewissen Momenten, da steht die Mauer nicht nur in ihrer Stadt, sondern auch in ihrem Herzen, hat sie etwas verpasst in ihrem Leben? Da erreicht sie ein Brief, höchst elegant und schmeichelhaft schreibt ihr da ein Schweizer Bewunderer, gut tut dies ihrer einsamen Seele. Lotte war die Schülerin eines ganz besonderen, alten Meisters, doch der Preis für ihre Ausbildung war schmerzhaft und somit definitiv zu hoch. Dieser Bewunderer namens Stettler aus der Schweiz, der rührt sie, vielleicht gibt es ja tatsächlich noch etwas anderes im Leben als die Musik, vielleicht könnte sie ja doch eine Beziehung eingehen?
Stettlers Hass wächst, der junge Kontrahent hat ein Weihnachtsschaufenster gestaltet, welches auch er bewundert, dies würde er aber nie gestehen, sein Hass gegenüber Bleicher wächst und nimmt derart abstruse Formen an, dass Stettler, der absolut unbescholtene Mann, gar auf einem Polizeiposten landet.
Lotte folgt der Einladung ihres Lehrers und Peinigers, die Philharmonie in Wien sehen zu dürfen ist ihr doch Grund genug, und sie kann dann sogar eine gewisse Genugtuung erleben, die ihrer Seele wohltut.
Mit Unmut blickt Stettler auf die Vietcong-Flagge am Turm des Berner Münsters, bricht mit seinem Alltag, trinkt zuweilen gar Bier, besucht abends Lokale, die er zuvor nicht kannte, und verfolgt mit Bitterkeit den jungen Bleicher. Der Pianistin aus Berlin hat er schöne Briefe geschrieben, fast hätte ihm das Boden unter den Füssen, ja Hoffnung im Leben gebracht, doch Hass ist ein weitaus stärkeres Gefühl in seinem Herzen. Stettler holt zu einem finalen Schlag gegen die neue Zeit, die Ungerechtigkeit und den jungen Bleicher aus, er tut dies mit seiner kalkulierten, edlen, ja nahezu perfekten Art und Weise.

Fazit: Vom Wandel der Zeit, zeitlos schön berichtet.
Dieser Roman besticht durch eine klassische, wunderschöne, stimmungsvolle Sprache. Aber Alain Claude Sulzer scheut nicht davor zurück, die Brüche exakt in der Schönheit seines Romanes zu platzieren, die verpassten Gelegenheiten, die Dramatik des Lebens und des Zufalls. In einer Zeit, in welcher die Hippies die Krawattenträger verdrängten und nichts mehr so war, wie es lange Zeit gewesen ist, spielt dieser Roman, welcher uns unter die Haut geht. Sulzer schreibt nicht nur einen historischen Roman, er schreibt zeitlos über den Konflikt der Generationen und dies tut er präzise und in einer endlichen Schönheit.

Meine Wertung: 9/10

Alain Claude Sulzer / Unhaltbare Zustände
Verlag: Galiani, Seiten: 272

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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