Alina Bronsky / Der Zopf meiner Grossmutter

by Manuela Hofstätter on 30. September 2019

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Aus Russland im Flüchtlingswohnheim in Deutschland angekommen, hat Max nur seine Grosseltern und viele Fragen zu seinen Eltern, welche er nicht mal mehr stellt, denn er weiss, er bekommt ohnehin keine richtige Antwort. Das Sagen hat die Grossmutter, während der Grossvater immer stiller wird und seiner Wege geht. Max kommt in die Schule, beherrscht rasch die deutsche Sprache, ganz im Gegensatz zur Grossmutter, die aber ihren Willen bekommt und lange Zeit im Klassenzimmer sitzt, um alles zu überwachen. Die Grossmutter ist davon überzeugt, dass Max sehr krank ist, körperlich wie geistig, russische Ärzte haben ihr das attestiert, doch die deutschen Doktoren sind eben unfähig, erkennen die Notlage bei Max nicht. Seine Verdauung zum Beispiel ist laut der Grossmutter völlig kaputt, darum bekommt er fast nur Haferschleim und die leckere Geburtstagstorte, die sie dem armen Mäxchen jeweils aufwendig backt, an der darf er jeweils bloss riechen. Die Grossmutter schimpft ohnehin über das ungesunde deutsche Essen, all die Keime, die überall lauern und dann die Schule, die nichts taugt. Doch dann lernen sie die betörende, junge, alleinerziehende Mutter und Lehrerin Nina mit ihrer Tochter kennen, welche auch im Wohnheim gelandet ist. Eine reizende Frau, befindet die Grossmutter, selbst dann noch, als sie ernüchtert feststellen muss, dass diese doch zu einem hohen Prozentsatz jüdische Wurzeln hat, so wie überdies auch die Grossmutter selbst, doch darüber mag sie nicht Auskunft geben. Dass der Grossvater, der Nichtsnutz, durch seine asiatischen Wurzeln immer noch so unverschämt jung aussieht, ist auch eine Tatsache, die stört. Doch unter den tristen Gewändern der Grossmutter verbirgt sich ein strammer Körper, denn die Grossmutter war früher ein Star. Aber jetzt ist jetzt und dazu noch in einem verkommenen, fremden Land, die Grossmutter muss ein strenges Regime führen, damit ihr Enkel überleben wird. Der Grossvater macht sich als Handwerker nützlich und auch darüber hinaus knüpft er Bande, die Früchte tragen. Doch die Grossmutter kann nichts, rein gar nichts erschüttern, sie weiss, ihre Macht kann alles, wirklich alles in den Griff bekommen und so hat sie bald noch mehr zu tun, um die Dinge auf ihre gelinde gesagt unvergleichbare Art und Weise in Ordnung zu halten.

Fazit: Von der wohl ungewöhnlichsten Patchworkfamilie aller Zeiten!
So unbeschreiblich, zärtlich wie böse, aberwitzig komisch und wahrhaftig wie diese Geschichte ist, ist die Grossmutter, die darin das Zepter führt! Frau Bronsky schreibt so süffig und witzig, da bleibt kein Auge trocken. Eigentlich ist diese Geschichte eine Tragödie, doch durch die Kunst der Autorin wird sie teilweise zur Komödie. Darf man so über vielleicht heikle Themen schreiben, nur weil man persönliche Verstrickungen dazu hat? Ich finde unbedingt, zudem kann Frau Bronsky dies eben auch mit einer Schönheit, die mich völlig beeindruckt hat. Dieser Roman ist ein Drahtseilakt zwischen russischem Roulette und deutscher Qualitätsarbeit. Lesen!

Meine Wertung: 8/10

Alina Bronsky / Der Zopf meiner Grossmutter
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Seiten: 214

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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