Amélie Nothomb / Happy End

by Manuela Hofstätter on 28. Januar 2019

Post image for Amélie Nothomb / Happy End

Trémière erblickte das Licht der Welt und bald schon zeichnete sich ihre enorme Schönheit ab in ihren Gesichtszügen und in ihrem ganzen Wesen. Einzig die Eltern fanden, das Baby gucke dümmlich drein, was die famose Grossmutter heftig verneinte. Die Mutter fand, der beste Platz für Trémière sei bei der Grossmutter und so lauschte die alte Dame dann entzückt den recht spät im Entwicklungsstand gesprochenen ersten Worten der Enkelin: “Ich liebe dich! Dich, Grossmama!” So wuchs Trémière grösstenteils bei ihrer Grossmutter auf und es verband die beiden eine innige Liebe. Die Grossmutter war eine eigensinnige Person, die Leute kamen zu ihr, um sich von ihr die Zukunft vorhersagen zu lassen, sie sorgten sich um das Wohl des Mädchens in der Obhut dieser Alten, doch das Kind war sauber und wunderschön und gedieh heran. In der Schule sprach Trémière so wenig, alle waren sich einig, es sei etwas mit ihr nicht in Ordnung und sogar die eigenen Eltern fanden ihr Kind schwachsinnig. Doch das Mädchen kam durch die Schule, natürlich wurde es oft gehänselt und regelrecht gequält, zur Sorge der Lehrerin wehrte es sich aber niemals, es sah sich die Dinge lieber ganz genau an und blieb in sich gekehrt und still. Die Grossmutter teilte das grosse Geheimnis ihres Lebens einzig mit ihrer Enkelin, Trémière durfte den kostbaren Schatz ihrer Grossmama sehen. Als Trémière der ersten Liebe begegnet und dieses Wunder sie aufblühen lässt, der Kerl sie aber rasch fallen lässt, da muss die Grossmutter sie retten, denn tatsächlich denkt Trémière, sie überlebe diesen Kummer nicht. Als sie als junge Frau ihre Grossmutter verliert, weiss Trémière sich zu helfen. Während ihre Eltern sich sorgen, die Tochter könne wegen ihrer Grösse von nur 170 Zentimetern nicht einmal als Model Karriere machen, angelt sie sich einen legendären Job. Trémière wird das Gesicht, das jeder kennt, das Gesicht des grossen Juweliers, sie ist eine Berühmtheit geworden. Déodat kommt zu Welt und ist hässlich, seine Eltern lieben ihn mit aller Kraft, sie versuchen ihn vor Schmerz zu bewahren und gehen mit ihm durch ihr bescheidenes, aber glückliches Leben. Déodat wächst heran mit einer immensen Intelligenz ausgestattet, er wird von seinen Mitschülern arg gebeutelt, doch er ist ihnen derart überlegen, dass er sie studiert, manipuliert und mit ihnen umzugehen weiss. Seine Eltern haben keinen Fernseher, so organisiert sich Déodat eben kurzzeitig einen “Freund”, bei welchem er die famose Flimmerkiste nutzen kann. Bald aber sieht er die Verblödung der Menschen vor und in der Glotze, wie er sie bei so vielen Dingen und Menschen klar erkennt und geht weiter seinen Weg. Er ist fasziniert von den Vögeln, studiert sie, widmet ihnen seine Freizeit und all seine Hingabe. Deodorant und der Bekackte, so nannten ihn seine Mitschüler, doch er nahm es gelassen. Sein Äusseres schien ihm plötzlich die schönsten Mädchen ins Bett zu bringen, er genoss das Liebesspiel und die dummen Blicke der anderen Jungs. Lange hielten diese Geschichten nie, später als junger Mann wurde Déodat ein bekannter Ornithologe und um seine Krankheit, den Buckel, in den Griff zu bekommen, galt es zwei Jahre strenge Physiotherapie zu machen. Déodat verliebte sich zum ersten Mal richtig in die Therapeutin, welche verheiratet war und sein inniges Werben ins Leere laufen liess, sich aber doch zwei Jahre lang auf der Massageliege mit ihm vergnügte. Danach glaubte Déodat, er würde niemals mehr in seinem Leben lieben können. Doch dann treffen Déodat und Trémière sich in der Garderobe vor einer Fernsehstation, beide wurden eingeladen, um sich in einer Talkshow zu blamieren. Doch was nun passiert, das ist die märchenhafte Geschichte einer grossen Liebe, das ist die eigentliche Geschichte und garantiert mit Happy End, ohne jeden Kitsch.

Fazit: Ganz schön intelligent, diese famose Geschichte dieser grandiosen Frau Nothomb!
Amélie Nothomb lesen ist immer eine berauschende Sache, für mich ist sie eine der Stimmen in der Literatur, die konstant existenzielle Themen in ihren Romanen absolut einzigartig erfrischend, erhellend und einfach genial anders, krass gut beschreibt. Diese Protagonisten, die erobern im Sturm ihre Leser. Der Roman “Happy End” ist aus der Inspiration des Märchens von Charles Perraults: “Riquet mit der Locke” entstanden. Die Frage nach der Schönheit und der Intelligenz und wie viel diese letzten Endes doch oder gar nicht miteinander zu tun haben, auch diese Frage beschäftigt in diesem Roman. Eine clevere und wahrhaftig schöne Leseempfehlung!

Meine Wertung: 9/10

Amélie Nothomb / Happy End
Verlag: Diogenes, Seiten: 187

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

Letzte Artikel von Manuela Hofstätter (Alle anzeigen)

{ 1 comment… read it below or add one }

1 Mikka Gottstein Januar 29, 2019 um 21:26 Uhr

Hallo,

ich glaube, von der Autorin habe ich seit “Die Reinheit des Mörders” nichts mehr gelesen – und das war… Wann? Jedenfalls fing das Datum noch mit 19 an.

Aber ich sehe schon, das sollte ich ganz dringend ändern. Das Buch klingt großartig, danke für die schöne Rezension!

LG,
Mikka

Leave a Comment