Angela Lehner / Vater unser

by Manuela Hofstätter on 2. Juni 2019

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Eva Gruber ist in die psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Gut so, denn sie weiss, warum sie hier ist. Eva spürt immer ganz genau, was zu tun ist, sie muss Bernhard retten, ihren Bruder, er befindet sich auch in dieser Irrenanstalt, doch sie muss ihn nur wieder für sich gewinnen, ihn davon überzeugen, dass sie ihn nicht noch einmal alleine lassen wird und dann wird er ihr folgen, dann werden sie beide sich rächen, den Plan umsetzen, da ist sich Eva ganz sicher. Sie will mit Bernhard den Vater umbringen, den Vater, der sie beide wie auch ihre Mutter einfach abgestreift hat, der einfach mal so eine neue Familie gegründet hat am alten Ort, als wäre das völlig in Ordnung. Doch nichts war in Ordnung, was der Vater getan hat, das hat den Irren aus seinem Sohn Bernhard gemacht und auch die Mutter ist nicht mehr bei Trost und Eva will die Mutter nicht mehr. Doch als die Mutter in der Klinik auftaucht, weiss Eva ganz genau, wie sie ihre Rolle zu spielen hat, sie ist anders, kein Opfer wie der Bruder und die Mutter, sie ist ein Alphatier. Wenn sie mit dem Psychologen Doktor Korb spricht, merkt sie sofort, sie hat ihn im Griff. Ein schöner Psychologe so einer, merkt kaum was und doch, er hat ihr einfach so gesagt, sie wäre eine so kluge Frau, wenn sie nur nicht so verrückt wäre. Die Gespräche mit Korb beginnen ihr direkt Spass zu machen, endlich ist Eva auch an ihren Bruder herangekommen, der hat sich ja zuerst benommen, als ob sie der Leibhaftige höchstpersönlich wäre. Nun, Eva spielt mit Bernhard und seiner verrückten Freundin, sie wird wissen, was zu tun ist, sie ist sicher, der Plan wird aufgehen. Doch dann stirbt Bernhard mal wieder fast, er war immer der lieblichere von ihnen beiden und er ist schwach, er will einfach nicht essen noch trinken. Eva wird ihn retten, ihr Plan wird sie beide retten und endlich werden sie ein Leben haben, vielleicht bleiben sie sogar für immer zusammen, das wäre doch schön, gewiss wäre es das. Eva hat schon als Kind panisch nicht alleine schlafen wollen, ihre eisig kalten Füsse bei Bernhard wärmen, für etwas hat man doch einen Bruder. Doch nun ist keine Zeit für Nostalgie, der gute Korb, der ist gelinde gesagt nicht mehr derselbe, üble Sache, so etwas hätte Eva dem guten Doktor gar nicht zugetraut. Es ist an der Zeit mit Bernhard abzuhauen, zurück in ihre Heimat, zurück zum Vater.

Fazit: Wenn kein Vater unser mehr hilft!
Angela Lehner hat ein unfassbar kurioses und auch grandioses Buch geschrieben, Eva ist eine unbeschreibliche Protagonistin, eine Urgewalt! Wir schwanken in ihrer Nähe immer zwischen Bewunderung und Abscheu. Bernhard, der essgestörte Bruder, der dringend Hilfe in der Klinik benötigt, gerät in die Fänge seiner Schwester und seiner Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte, die viel Raum lässt darüber nachzudenken, was denn das für ein Vater war und welches all seine Verfehlungen. Wenn Eva mit ihrem Psychologen Dr. Korb spricht oder auf andere Menschen prallt, ist das nicht selten ein fabelhaftes Leseerlebnis, eines zum auch mal schallend zu lachen und kurz danach wieder äusserstes Unbehagen zu empfinden. Das ist die grosse Kunst dieses Romans, nichts ist festgelegt, nichts lässt uns sicheren Boden betreten und die Frage nach Normalität und Wahnsinn könnte uns beim Lesen schon fast um den Verstand bringen.

Meine Wertung: 8/10

Angela Lehner / Vater unser
Verlag: Hanser, Seiten: 284

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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