Angelika Waldis / Ich komme mit

by Manuela Hofstätter on 3. September 2018

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Lazy Laval hat seine roten Turnschuhe schon so lange ständig vor seiner Türe im Treppenhaus platziert, dass sie Vita auffallen und sie sich Gedanken macht. Die Lavals sind im Jahr 2002 eingezogen, damals war der Bub schon ein Schuljunge, nun ist er Student und dürfte etwa um die zwanzig Jahre alt sein. Sie hatten kaum Kontakt, er mochte sie wohl nicht so und umgekehrt machte sie sich keine Gedanken. Doch jetzt scheint etwas nicht zu stimmen, die Turnschuhe waren doch regelmässig immer wieder weg, Vita wird zu Travel-Rolf gehen im Erdgeschoss, er hat diesen Namen, weil er Reisen anbietet, und er weiss immer fast alles über die Bewohner im Haus. Vita hat Rolf erzählt, dass ihr Sohn Moritz schon seit vierundzwanzig Jahren in Australien lebe und darum sei ihr Enkel Sam auch nie bei ihr. Rolf, wenig feinfühlig, hatte sofort damit losgelegt, welche Angebote zu Australien er im Programm habe. Nun denn, Vita hat gelernt, alleine zu leben, sie vermisst ihren Sohn und ihren Enkel kaum mehr, nur an ihren lieben, verstorbenen Mann denkt sie ständig und an seine geliebten Zitate aus den Büchern, welche sich immer noch in der Wohnung befinden und ihr das Gefühl geben, sie habe noch eine Verbindung zu ihm. Vitas Leben ist recht langweilig, aber sie hat nicht die Kraft, etwas zu ändern. Lazy braucht seine Turnschuhe nicht, weil er im Spital ist, vor kurzen war sein Leben noch richtig famos, er war schwer verliebt in Elsie und sie waren richtig verrückt nacheinander, doch dann war Elsie plötzlich weg und er kämpft nur noch gegen seine Krankheit an. Gift rein, Knochenmarkpunktion, und dies in einer höllischen Endlosschlaufe, Worte wie Blastenanteil und Knochenmarkzytologie sind nur ein paar der verhassten Wörter hinter verhassten Fakten, er hat höllische Angst zu sterben. Als Lazy eine Pause bekommt, haut er ab an den Pazifik, wird braun an der Sonne, seine Haut um den Port herum ist eher rot und heiss, gegen die Angst hilft Tequila und eine neue Frau, doch dann geht es ihm richtig mies, er muss sofort zurückfliegen und zu Hause wieder ins Krankenhaus. Im Treppenhaus hat er eine Begegnung mit der alten Maier, die war schon hier als er als Kind eingezogen ist, scheint immer gleich auszusehen und zu sein, wie Schiffszwieback, trocken und unveränderlich, sie aber ist neugierig und sieht ihn forschend an.

Weder Vita noch Lazy ahnen, was auf sie zukommt. Bald sitzt Lazy bei Vita am Tisch, ihre stinkenden Wurstbrote kann er nicht essen, doch bald kocht Vita nicht nur Aprikosenmarmelade, nein, sie kocht viel Gesundes und Essen für Krebspatienten, Lazy ist bei ihr eingezogen. Wenn er die Zimmertüre geschlossen hat, lässt sie ihn in Ruhe, weiss, es geht ihm richtig schlecht. Geht es Lazy besser, sprechen sie miteinander über das Leben. “Leben ist das Kräuseln des Spiegeleis am Rand!”, sagt etwa Maier, dann entgegnet Lazy: “Leben ist beim Treppensteigen zwei Stufen aufs Mal!”. Vita und Lazy sind schon richtige Philosophen geworden. Tatsächlich heben Vita und Lazy dann sogar gemeinsam ab, Start auf der Rigi, so ein Tandemflug war schon immer ein geheimer Traum von Vita. Sie fand den Flug dann gar nicht so toll, Lazy hingegen schon, und wie! Lazys Wunsch ist eine Reise zu “seinem” Fuchs in Göbekli Tepe, doch dieser Wunsch scheint unerfüllbar. Als eine Infektion Lazys Stammzellentransplantation gefährdet, kehrt er nicht heim aus dem Spital, Vita bekommt es mit der Angst zu tun, denn sie weiss, Lazy kann nicht mehr und will nicht mehr. “Mehr bringt nichts. Das war’s. Ich haue ab!”. Dies sind Lazys Worte, doch er hat die Rechnung ohne Vita gemacht, sie hat nämlich beschlossen, ihn zu begleiten. Auf eine letzte Reise und in den Tod.

Fazit: Eine morsche Schnarchgeige und ein todkranker Student auf der Reise ihres Lebens!
Vita ist alleine und das Alter zeigt ihr erste Grenzen auf, Lazy ist in grösster Not, sein Leben, das soeben noch richtig toll war, ist bedroht, denn Lazy hat Leukämie, doch die beiden finden einen Weg zueinander. Mit viel Humor und zugleich einer tiefen Sorgfalt lässt die Autorin ihre beiden Protagonisten immer näher zusammenrücken. Dieser Roman hat mich richtig bewegt, er kommt ohne Gefühlsduselei aus und darum hat er mich wohl so erwischt. Vita und Lazy sind ein Paar, welches ich nicht wieder vergessen werde, dieser Roman gibt Kraft und Lebensmut, ein tolles Buch!

Meine Wertung: 9/10

Angelika Waldis / Ich komme mit
Verlag: Wunderraum, Seiten: 224

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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