Anne Reinecke / Leinsee

by Manuela Hofstätter on 16. Mai 2018

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Das berühmteste und ruhmreichste Künstlerpaar in der deutschen Kunstszene heisst Ada und August Stiegenhauer. Ada und August lieben die Präsenz, ihre Wirkung in der Öffentlichkeit und sind ein innig verbundenes Liebes- und Künstlerpaar, keiner kann ohne den anderen sein und sie leben an einem wunderbaren Ort, am Leinsee. Als die Stiegenhauers Eltern eines Sohnes namens Karl werden, währt die Familienidylle nur kurz, da ist kein Platz neben der Kunst und der Liebe für Karl noch viel Zeit zu haben, er kommt auf ein Internat. Höchst selten sprechen Ada und August über ihren Sohn, und wenn sie es tun, dann weisen sie auf ihre Liebe zu ihm hin, und dass sie ihn bewusst vor ihrer Berühmtheit schützen und ihn gezielt fördern wollen, seinen eigenen Weg zu gehen, als Mensch wie vielleicht auch als Künstler, darum haben sie Karl sogar einen anderen Nachnamen gegeben. Anfänglich hat Karl schlimm gelitten im Internat, er sehnte sich so nach seinen Eltern und nach Liebe. Karl ist mittlerweile noch keine 30 Jahre alt und hat sich als Künstler tatsächlich schon einen Namen gemacht und keiner weiss, wessen Sohn er ist. Karl ist seinen Weg gegangen, er kompensiert den Mangel an Liebe mit dem Trost, welchen er im Alkohol findet und gewiss hat er auch seine ganz besonderen Eigenheiten entwickelt und befindet sich mental immer noch auf einer sehr kindlichen Stufe. Künstlerisch steckt Karl etwas in der Krise, er erschafft immer Ähnliches, fühlt aber, wie unbefriedigend dies ist. Dann stirbt August und Ada wird sehr krank, Karl kehrt an den Leinsee zurück und ist überwältigt, wie vieles noch so ist, wie es in seiner Kindheit war. Im Kirschbaum entdeckt Karl ein Mädchen, es kehrt immer wieder zurück, es berührt Karl ungemein, er braucht das Mädchen im Kirschbaum. Das Mädchen heisst Tanja, sie wird für Karl wichtig und immer wichtiger, zum festen Bestandteil seines Seins und Schaffens. Er hängt Tanja Dinge in den Baum, sie schenkt ihm kleine Kunstwerke und Schätze zurück, ein feiner, spielerischer, künstlerischer Austausch blüht auf. In der Klinik besucht Karl seine Mutter, sie freut sich, nennt Karl ihren Schatz, was dieser innig geniessen will und dann brutalst feststellen muss, dass die Mutter ihn nicht mehr erkennt und mit ihrem Ehemann verwechselt. Zum Glück gibt es da noch die Pflegerin Alexandra, sie erobert Karl unkompliziert und kurzfristig und hilft ihm auch seine Mutter ab und zu nach Leinsee heimzunehmen. Im Atelier kann Karl mit seiner Mutter gute Momente erleben. Während Karls Freund und Galerist wie auch Karls in Berlin zurückgebliebene Freundin Mara nicht verstehen können, dass Karl in Leinsee bleiben will, setzt dieser aber seinen Willen durch. Einzig, als er Tanja einmal verletzt und sie nicht mehr auftaucht, gerät Karl aus der Spur. Doch während das Mädchen Tanja erwachsen wird, passiert dies auch mit Karl.

Fazit: Zwei Kinder, der Künstler Karl und Tanja, das Mädchen im Kirschbaum!
Man liest Bücher und Bücher und ist mal mehr, mal weniger erfreut und dann kommt “Leinsee”. Dieses Debüt hat mich unbeschreiblich überrascht, welch wunderbare Sprache, welch ein Kunstwerk! Die Kapitel tragen Namen von Farben und tatsächlich hat diese Autorin in meinem Leserinnenherz so viele Farben, Stimmungen und Gefühle ausgelöst, wie schon lange kein Buch mehr dies geschafft hat. Humorvoll und ironisch wird das Thema Kunst angegangen, schallend habe ich gelacht, als der Künstler Karl mit zwei Polizisten einen Schuss abfeuert und dies schalkhaft Kunst nennt. Tief berührt haben mich die künstlerische Schaffenskraft und der feine, kindlich unverstellte Austausch und die Freude am Erschaffen von Neuem zwischen Karl und Tanja. Gemeinsam dürfen Karl und Tanja Kind sein und sich in ihrem Werden begleiten. Die Last und die Prägungen, die, durch die Familie ausgelöst, ein Leben verändern können, darüber lesen wir in “Leinsee” in vielen Facetten. “Leinsee”, ein kostbares, farbenprächtiges und unvergessliches Stück Literatur, grosser Literatur!

Meine Wertung: 9/10

Anne Reinecke / Leinsee
Verlag: Diogenes, Seiten: 368

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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