Benedikt Meyer / Nach Ohio

by Manuela Hofstätter on 11. Juni 2019

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Schon als kleiner Junge bemerkt Benedikt in den Augen seiner Lieblingstanten die Faszination, die seine Urgrossmutter ausstrahlt. Allein, wenn von Stephanie gesprochen wird, verändert sich der Klang der Stimmen der Tanten, glitzert es in deren Augen, denn ja, Stephanie Cordelier war etwas ganz Besonderes, sie wanderte als junge Frau von 19 Jahren nach Amerika aus, sie nahm ihr Leben mutig in die eigenen Hände, damals, im Jahre 1891. Später widmete sich eine Radiosendung ihrem Leben, der Urenkel hatte diese auf Kassette und lauschte ihr etliche Male. So beginnt die Spurensuche nach der Urgrossmutter und führt den begeisterten Radsportler Benedikt bis nach Ohio. In Kleinlützel erblickte Stephanie das Licht der Welt und verliess den kleinen Ort aber an die Brust der Mutter Martina gedrückt, während auch ihr Vater Jules seinen Hut schwenkte auf dem Weg in eine neue Zukunft. Die Religion und das Land standen unerbittlich im Konflikt gegeneinander, auch die persönliche Geschichte der jungen Eltern ist davon geprägt. Oberwil empfing die junge Familie zunächst freundlich und hilfsbereit, Jules fand als Maler immer Arbeit, mische Farben an, während Martina im eigenen, kleinen Haus wirkte, den Garten hegte und pflegte und tat, was getan werden musste. Bald war Stephanie die grosse Schwester zweier Brüder, weitere Schwestern würden noch folgen, übernahm schon viel Verantwortung und entlastete die Mutter. Dafür belastete die Trunksucht von Jules die Familie immer mehr, als die Brauereien aufkamen und der Staat den Alkohol reglementierte, besserte sich Jules kurzzeitig, da der Bierkonsum nicht so verheerend war, wie derjenige von Hochprozentigem. Mama Martina führte Korrespondenz mit Onkel Gabriel und Tante Therese, welche im fernen Amerika ein neues Leben aufgebaut hatten, die junge Stephanie träumte vom fernen Land und bekundete ihren Willen, ebenfalls dorthin gehen zu wollen. Als sie mit ihren 19 Jahren auf dem Schiff Westerland den Atlantik sah, war ihr Herz voller Mut und Wissen, sie wusste um die vielen Armen, welche am Anfang des Jahrhunderts und bis zu dessen Mitte noch nach Amerika mehr geflüchtet als ausgewandert sind, sie hingegen ging aus freien Stücken, endlich fort von zu Hause und sie hatte Arbeit in Aussicht beim Onkel und der Tante. Defiance in Ohio empfing Stephanie gut, sie arbeitete tatkräftig mit und zog bald schon weiter als Dienstmädchen ins Haus des Doctors Anthony Berchtold, diese Familie war laut, bunt und kinderreich, Stephanie lebte sich gut ein, bald hatte sie auch eine enge Freundin, die kesse Hanne, auch ein Dienstmädchen und sie erlebten etliche unbeschwerte Momente. Dann aber starb der Doktor, die Bank bezahlte der Witwe wegen der Krise kein Geld mehr und so blieb Stephanie noch so lange wie möglich wegen der Kinder dort, bevor sie nach Norwalk Peru weiterzog, in den Dienst beim Onkel, Father Blaser. Viel Neues galt es wieder zu lernen und erleben, so auch die Liebe, sie kam in Form des Jünglings Leon in Stephanies Leben und hielt nicht lange an, sie hörte auf ihr Herz und liess Leon ziehen, ihr Onkel starb und sie erbte eine gewisse Summe. Doch sie reiste weiter, erneut arbeitete sie für einen Pfarrer in Amherst, nach vielen weiteren Erlebnissen packt das Heimweh Stephanie und im April 1896 kehrt sie in die Schweiz zurück, doch die Tragödie daheim trifft sie hart, Stephanie empfindet das Unglück, trauert und nimmt dann aber wieder mutig ihr Schicksal in die Hand. Mit dem Geld aus Amerika eröffnet sie eine Wäscherei, sie heiratet Albert, der eigentlich ihr erster “Kunde” war, die Hochzeit wird nicht gerne gesehen, sie als Katholikin heiratet einen verflixten Protestanten. Doch Stephanie lässt sich nicht in ihr Leben reinreden, das hat sie früh gelernt und auch wenn nun ihr Leben von weiterem Wellengang nicht verschont bleibt, es war und wird ein gutes Leben.

Fazit: Welch couragierte Frau vor 125 Jahren!
Benedikt Meyer hat sich mit dem Fahrrad auf die Reise nach Ohio gemacht und Eindrückliches erlebt bei der Spurensuche nach seiner Urgrossmutter. Entstanden ist ein Porträt einer starken Frau, einer etwas anderen Auswanderin, am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kunst dieses Autors für mich ist, wie sinnlich, wie präzise und schlicht ergreifend er über diese Frau erzählt. Stephanie Cordelier ist keine klassische Auswandererin gewesen, nein, sie ging später, aus freien Stücken und mit dem Wissen, eine Anstellung zu haben. Es blieb nicht die einzige und wir lernen eine starke, zupackende Frau kennen, die den Widrigkeiten entgegenzuhalten vermochte und immer einen Weg fand. Beeindruckend ist auch die Entwicklung damals in der Schweiz und in Amerika dargestellt, vieles steht uns klar vor Augen, sehr bewegend etwa eine Szene, als Stephanie auf dem Markt in Amherst erstmals eine schwarze Frau beim Einkaufen auf dem Markt sah, zuvor hatte sie Menschen dunkler Hautfarbe nur in ihrer Heimat im Basler Zoo im afrikanischen Dörflein gesehen. Auch die Thematik des Alkoholismus in der Schweiz und die Kriegereien um Religion und Staat ist präsent. Liebevoll und gekonnt zeichnet Benedikt Meyer das Leben seiner Urgrossmutter nach und er versteht seine Kunst, das Reale mit dem Fiktiven und literarischem Können zu ergänzen, diesen Roman liest man richtig gerne, er ist auch ein historisches Zeitdokument!

Meine Wertung: 8/10

Benedikt Meyer / Nach Ohio
Auf den Spuren der Wäscherin Stephanie Cordelier
Verlag: Zytglogge, Seiten: 219
http://www.benediktmeyer.ch

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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