Camille de Peretti / Wir werden zusammen alt

by Manuela Hofstätter on 17. August 2011

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Ein ganz gewöhnlicher Sonntag in der Altersresidenz «Les Bégonias» in Paris. Aber es ist der Tag an welchem abgeklärt, geflüchtet, geliebt, verlassen, geschrien, getratscht und gestorben wird. Madame Barbier etwa, erwartet ihren Sohn. Aber bis zum Nachmittag hin, da dauert es noch lange. So versucht sie mit der edlen Madame Alma ins Gespräch zu kommen. Madame Alma besitzt nicht nur Stil, sondern auch eine tiefe Liebe zu den Menschen, doch sie wird völlig in Beschlag genommen von der um etliche Jahre jüngeren Freundin Madame Buissonette. Ach sie hasst dieses falsche, scheinheilige Pfarrweib, wäre die Buissonette nicht, so hätte sie eine gütige grossartige Freundin. Nini schreit in ihrem Rollstuhl, es ist ihr langweilig, sie hasst diesen Ort und all die alten Säcke hier und noch mehr hasst sie es, dass ihre kleine Camille sie nicht mehr lieb hat, immer kürzer werden die Besuche ihrer Enkelin. Die Pflegerin kann sich heute so schlecht konzentrieren, sie weiss, sie sollte ihre Affäre beenden, der Mann ist verheiratet, wird es immer bleiben und sie hat mit ihm billigen Sex an ihrem Arbeitsort, das kann sie den Job kosten, aber ihr Chef, das ist ein richtig gütiger Mann. Philippe Drouin leitet die Residenz mit Leidenschaft, er ist heute ein wenig in Aufregung geraten, eine Panne im Kühlraum hat dazu geführt, dass sich Ameisen auf der dort Verstorbenen alten Dame aufhalten, es gilt beherzt einzugreifen, denn einen solchen Anblick kann er den Verwandten nicht zumuten, Philippe Drouin handelt dementsprechend, er löst ein Problem, macht seinen Job. Der Kapitän Dreifuß ist der Mann in der Residenz, auch welchen alle hören, wenn er befiehlt, an Bord sei es zu gefährlich, dann verschwinden alle, doch als der Kapitän verschwindet, bleibt dies zuerst unentdeckt. Alphonse liebt seine Frau, er kann kaum glauben, dass er sie geschlagen hat, aber der Schmerz wurde einfach übermächtig, kein Mann kann so viel Leid tragen. Besucher kommen und gehen, Telefonate bringen Geheimnisse an Licht und am Ende dieses Tages, ist manches neu entstanden und manches für immer verloren.

Fazit: Ein Sonntag in der Seniorenresidenz, ein Universum voller Lebensbilder
Ich konnte kaum glauben, dass ich nun bloss einen einzigen Sonntag in dieser Seniorenresidenz mit dabei sein konnte. Meisterhaft öffnet die Autorin die 64 Türen der Residenz und vor unseren Augen breitet sich ein ganzes Universum von Schicksalen, Lebensbildern, Wünschen, Träumen und Erfahrungen aus. Wir nehmen Teil an so vielen Geheimnissen, lesen atemlos und machen uns so unsere Gedanken, über das Leben, die Liebe, das Alter und die Vergänglichkeit. Dieser Roman übt eine Magie aus, welcher man sich nicht entziehen kann, ein Lesegenuss voller tiefen Empfindungen! Besonders beeindruckend am Ende zu erkennen, mit welcher Vorgabe und Genauigkeit die Autorin dieses Werk geschaffen hat und mehr wird nicht verraten, nur so viel, Peretti hat auch einen Hang zu den Zahlen!

Meine Wertung: 9/10

Camille de Peretti / Wir werden zusammen alt
Verlag: Rowohlt, Seiten: 268

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 Durchleser August 18, 2011 um 11:25

„Wir werden zusammen alt“ ist ein sprachliches und literarisches Kunststück, ja fast schon ein Kunstwerk, welches mit Witz, Humor, Ironie und ungeschönter Klarheit ein sehr brisantes und nicht unbedingt einfaches Thema beschreibt.

Mehr über diesen Roman findet man auch hier:
http://durchleser.wordpress.com/2011/02/17/durchgelesen-wir-werden-zusammen-alt-v-camille-de-peretti/

2 Wanda August 31, 2011 um 08:26

Woher nimmst du nur immer diese interessanten Bücher? Glücklicherweise gibt es dieses hier auch in der Bibliothek, in der ich auch “Keller fehlt ein Wort” ausgeliehen habe. Nur ist es gerade entliehen (hat da jemand auch schon deine Rezi entdeckt ;-) ?) Aber momentan hätte ich wahrscheinlich eh keine Zeit für ein solches Buch…ich merke es mir auf jeden Fall.

3 Manuela Hofstätter September 1, 2011 um 21:11

Hallo Wanda,
freut mich, wenn ich auch so Leseprofis noch auf neue Bücher bringen kann, vielen Dank für deine Rückmeldungen! “Meine” Bücher springen mir oft in die Arme beim Arbeiten, oder schmökern im Netz in Literaturmagazinen oder durch Empfehlungen.
LG

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