Charles Lewinsky / Andersen

by Manuela Hofstätter on 2. Oktober 2016

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Er hat keine Ahnung, was passiert ist, nimmt an, sie hätten ihn gefasst und fragt sich, welcher Foltermethode er wohl ausgeliefert ist, es ist ein ganz komisches Gefühl, er fühlt sich eigentlich nicht unwohl, aber er kennt nichts Vergleichbares. Er fühlt sich körperlos, irgendwie umgeben von einer wellenartigen Masse, am meisten verunsichert ihn, dass er offenbar lebt, ohne dass er atmet. Aber Andersen kommt noch ganz anders auf die Welt, er vernimmt Geräusche und Stimmen, eine Frauenstimme ist dabei, das ist ungewöhnlich, er denkt und denkt und kommt dann zum Schluss, dass er ein Fötus im Mutterleib sei und noch einmal geboren werden wird. 1898 ist er schon einmal zur Welt gekommen, religiös war er nie, schwache Menschen klammern sich an eine Religion, er hat immer auf seinen klaren Verstand gesetzt, das wird er auch jetzt tun, er wird alles daran setzen, ein unauffälliger Säugling zu sein und Schritt für Schritt seine Flucht planen. Helene und Arno sind ausser sich vor Freude, als sie ihren Jonas endlich in den Armen wiegen können, er ist von Anfang an ein pflegeleichtes Baby, weint kaum einmal, so selten gar, dass man medizinische Abklärungen unternimm, weil er bei einer schweren Mittelohrenentzündung einfach still geblieben ist. Als Helene und Arno heiraten, geben sie Jonas ein paar Tage in die Obhut ihrer besten Freunde Max (Maja) und Federico, wo Jonas seine besonderen Fähigkeiten auch mal ausserhalb des engsten Familienkreises einsetzen und erproben kann. Denn Andersen alias Jonas beherrscht seine Eltern von Anfang an, er kann Menschen manipulieren und so dumm sie auch sind, seine Eltern, er hätte es schlimmer treffen können, sie sind ganz in Ordnung, zuweilen ganz nützlich. Denn Andersen muss sich viele Informationen beschaffen, er ist im 21. Jahrhundert neu geboren worden. Die Jahre verstreichen, nach einem dummen Zwischenfall in der Kita wird er erneut untersucht, es wird bei ihm eine Hochbegabung festgestellt, in deren Folge klein Jonas bald ein wichtiges Ziel erreicht, nämlich, dass er Geige spielen darf, und natürlich spielt er grandios. Doch dann ist er da, der Tag, der das Leben der Eltern für immer zerstört, Jonas ist verschwunden…

Charles Lewinsky / Andersen

Fazit: Andersen, ungewöhnlich, verblüffend, abartig!
Lewinsky hat mit “Andersen” etwas geschrieben, das ungewöhnlich ist, das uns kalt erwischt, überrascht, verblüfft, amüsiert und manche vermutlich auch irritiert. Ich habe diesen Roman verschlungen wie ein ungewöhnliches Mahl, etwas Neues habe ich da gekostet und es hat mir gemundet! Allein schon die Tatsache, sich als männlicher Autor anzumassen, eine Geburt zu beschreiben, zeugt von der Unverfrorenheit Lewinskys, zudem bekommt er dies elegant gemeistert, wie so viel anderes auch. Ich habe mich köstlich amüsiert über die Beobachtungen, welche der Protagonist Andersen so anstellt, zum Fliegendreck Mensch und auch insbesondere zur Elternschaft oder Mann und Frau. Ein überraschendes Leseerlebnis!

Charles Lewinsky ist mit “Andersen”
nominiert für den Schweizer Buchpreis 2016.

Meine Wertung: 9/10

Charles Lewinsky / Andersen
Verlag: Nagel & Kimche, Seiten: 400

 

Kommentar

Wenn die alte Garde von Schriftstellern so schreibt, dann kommen wir tatsächlich neu auf die Welt! Lewinsky ist mit “Andersen” sogar schon zum zweiten Male nach 2011 für den Schweizer Buchpreis nominiert, dies ist für einen sogenannten Bestsellerautor wohl eher ungewöhnlich. “Andersen” wurde bislang oft rezensiert, eigentlich wurde immer das Böse in diesem Roman hervorgehoben und das finde ich absolut einseitig. Mich hat selten ein Roman so gefesselt mit seiner Geschichte, ungewöhnlich und überraschend liest sich dieser Roman und ich finde, das Böse ist nicht das zentrale Thema. Im Gegenteil; “Andersen” hat mich herrlich zum Schmunzeln gebracht, der Autor hat einen gnadenlosen, bestechend genauen Blick auf die Menschen und ihre Fehlbarkeit, allein die Beschreibung, wie Eltern sich benehmen, hat mich als Direktbetroffene regelrecht zum Lachen gebracht. Zudem muss in Kindern kein “Andersen” stecken, ich finde, Kinder sind gerade in unserer Zeit sowieso kleine Herrscher, mal mehr, mal weniger offensichtlich. “Andersen” vermag ein krasses erstes Leben geführt zu haben, im Zweiten ist er einfach logisch konsequent in seinem Handeln, und obwohl er immer versucht, auf seinen Verstand zu hören, ist er eigentlich durchaus nett. Ich kann da das wahre Böse nicht wirklich erkennen, das Manipulative aber, ja, das schon, und dies in der absoluten Königsklasse. Ist dies nicht ein gutes Abbild unserer Zeit? Nun, dieser Roman ist meiner Meinung nach herrlich lesbar und damit etwas atypisch für eine Nomination zum Schweizer Buchpreis, aber man hat schliesslich ja schon Pferde kotzen sehen …

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 Lukas Oktober 8, 2016 um 21:33

So, nun habe ich auch endlich mal ein nominiertes Buch für den Schweizer Buchpreis gelesen. Auch wenn ich von Lewinsky bisher nur mitbekommen habe, dass er Fernsehserien schreibt. Andersen weiss zu faszinieren, die Geschichte beginnt im Dunkeln, nimmt schnell Fahrt auf, weiss zu fesseln. Die Kapitel rauschen an einem vorbei… 10, 20, 50, 100, 200 – und immer noch kein Ende in Sicht. Die Tatsache, dass je zweimal aus der Sicht von Andersen und von seinem Vater geschrieben wird, bringt einige Wiederholungen von Ereignissen. Zwar aus verschiedenen Blickwinkeln, aber mich hat es irritiert und manchmal habe ich gedacht, dass ich das doch schon mal gelesen habe. Als Informatiker kann ich bestätigen, das BOND007 kein gutes Passwort ist und dass dK-Probleme (doofer Kunde) wirklich und auch im echten Leben vorkommen. Irgendwie hätte ich mir gewünscht, dass es am Ende nicht so schnell wieder dunkel wird, dass es irgendwie hätte sein können, dass auch ein ehemaliges Folteropfer von Andersen in den Genuss einer Wiedergeburt samt Erinnerung gekommen wäre – wieso nicht der Enkel von Andersen selbst – damit der Andersen etwas kreativer sich wieder erneut auf das Karussell des Lebens gesetzt hätte. Trotz allem, ich lese ja gerne und am liebsten schon etwas härtere Kost, Andersen ist wirklich faszinierend anders.

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