Dana Grigorcea / Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

by Manuela Hofstätter on 27. September 2015

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2015

Viktoria ist aus Zürich in die Heimat zurückgekehrt und dort überschattet sogleich ein Banküberfall, bei welchem sie nicht gerade gut wegkommt, ihre Rückkehr. Nun aber hat sie eine verordnete Auszeit und kann ihre Heimatstadt Bukarest erkunden, welche sich so verändert hat. Einzig ein paar Sitzungen bei der Psychologin und familiäre Anlässe gehören noch in Viktorias Pflichtenheft. Erinnerungen aus der Kindheit werden ausgegraben und sind nicht immer identisch mit den Erzählungen der Eltern. Viktoria erinnert sich daran, wie sie einmal ihren Eltern geradeheraus gesagt hat, sie würden doch diese wichtigen Genossen gar nicht wirklich mögen. Die heftige Reaktion der Eltern zeigte Viktoria, dass mit solchen Aussagen offenbar heikles Terrain betreten wird. Viel einfacher ist es da, sich an Essgelage zu erinnern, welche überdies bis heute ihre Tradition bewahrt haben, man isst als Rumäne gerne, viel und nur das Feinste. Viktoria ist wohlbehütet und begütert aufgewachsen und hat von den Unruhen in ihrer Heimat nicht wirklich viel mitbekommen. Nicolae Ceauşescu, seine Diktatur und seine Geheimpolizei Securitate geistern nur fragmentweise durch die Erinnerungen. Die Liebe, die hat Viktoria auch berührt und sie lebt der Sehnsucht nach, die einer alten Liebe anhaftet, während sie sich der Liebe in ihrem Jetzt stellen soll. Ein Sänger, der alle Zeiten fest verbindet, hat eine Schnulze gesungen, die das Gefühl gut trifft: “Du klebst an meiner Seele wie die Briefmarke an einem Brief”. Das grosse Konzert in der Freiheit der neu gewonnenen Demokratie erlebt Viktoria in Bukarest 1992, als der Superstar Michael Jackson inbrünstig geschrien hat: “Hello Budapest, I love you!” Der Balkan ist ja gross und wenn auch Ungarn im Gegensatz zu Rumänien nicht dazugehört, sei dies doch dem Weltstar, möge er in Frieden ruhen, vergeben, handelt es sich doch um Nachbarländer, die Städte lediglich 644 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

Dana Grigorcea / Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

Fazit: Bukarest oder Budapest, wo ist denn Rumänien?
Dieser Roman war für mich eher sehr schwer zu lesen, irgendwie kann ich die Geschichte rund um Viktoria nicht ganz erfassen und begreifen, es wird so vieles gestreift, aber für mich fast nie schlüssig vertieft. Was hat es mit dem Bankraub nun auf sich, ist etwa eine meiner Fragen und was will die Autorin uns über ihr Rumänien sagen, sie war selber offenbar wohl behütet vermute ich stark und der Roman hat ja autobiographische Züge. Ich sehe mich darin bestätigt, dass aus tiefer Not, eher aus dem “Dreck” meiner Meinung nach die grösseren Romane entstehen. Aber ich muss diesem Buch das Kompliment machen, es hat einige witzige Stellen, eben diejenige mit dem Jackson Konzert gefällt mir, aber am besten dann die humorvolle Erklärung, warum die Fussballmannschaft der theologischen Fakultät immer so gut war, nämlich wegen der besseren Kondition dank der vielen Niederwerfungen beim Gebet! Auch bin ich neugierig geworden und habe die Geschichte Rumäniens nachgeschlagen, ebenso wie herrliche Wörter, die sogar mir unbekannt gewesen sind wie etwa “appretiert”.

Meine Wertung: 4/10

Dana Grigorcea / Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit
Verlag: Dörlemann, Seiten: 220

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Fünf Fragen an Dana Grigorcea

Waren Sie überrascht, als Sie von Ihrer Nominierung erfahren haben?
Nach dem 3sat-Preis am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und dem anschliessenden sehr grossen medialen Echo habe ich schon geahnt, dass eine Nominierung auf mich zukommen könnte. Nichtsdestotrotz habe ich mich wirklich sehr darüber gefreut. Sie bedeutet mir sehr viel.

Was wünschen Sie sich von den Lesern ihres Buches?
Ich wünsche mir, dass die Leser in der Schweiz und überhaupt im deutschsprachigen Raum sich in die Gegenwart Osteuropas hineindenken können und umgekehrt dass in Osteuropa und besonders in Rumänien die Leser Mut bekommen, eine Zivilgesellschaft zu denken und zu leben. Gerade am Thema Flüchtlinge entzündet sich eine Diskussion, in die ich mich ganz bewusst mit öffentlichen Statements einschalte.

Haben Sie einen Lieblingsautor, eine Lieblingsautorin?
Viele! Ich bin eine leidenschaftliche Leserin. Namen? Hannah Arendt, Michel Tournier, Antonio Tabucchi, Eugen Ionesco, Ryszard Kapuscinski, Max Frisch, Peter Bichsel, Conrad Ferdinand Meyer – und viele andere.

Wo schreiben Sie? Mit was?
Ich notiere zunächst fast überall in ein kleines Heft. Die Niederschrift eines Textes geschieht dann zu Hause, am Notebook.

Wem unter den Nominierten würden Sie den Schweizer Buchpreis 2015 geben?
Alle haben ihn verdient.

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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