Daniel de Roulet / Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

by Manuela Hofstätter on 8. Dezember 2018

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Am Anfang waren sie zehn, wie die zehn kleinen Negerlein [sic!], 1872 in der Fabrik in Saint-Imier, doch das Schicksal reduzierte sie hart und schnell auf ihrem Weg in ein neues, selbstbestimmtes und ungebändigtes Leben, ein Leben in Freiheit, in Südamerika. Doch als das Leben sie aneinander-schweisst, stehen sie alle in einer Uhrenfabrik im Jura und erzählen sich von Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern, die ausgewandert sind und ihr Glück auf anderen Kontinenten gesucht haben. “Das Herz geht, wohin es will und wann es will!”, so die Aussage der erfahreneren Mädchen, welche wussten, dass ein Kuss alleine noch keine Schwangerschaft brachte, wenn aber eine solche sich einstellte, gingen sie zur Engelmacherin. Nicht so Adèle, sie behielt ihr Kind und musste ganz alleine für ihr kleines Mädchen sorgen. Die beiden Zeigermacherinnen waren es leid als Lesben beschimpft zu werden und träumten von den entfernten Kolonien der Anarchistinnen. Bald war es eine beschlossene Sache, zehn Frauen beschafften sich ein gemeinsames Erkennungszeichen wie auch eine Versicherung für alle Fälle, eine Longines 20A. Colette und Juliette, genannte Zeigermacherinnen, reisten als erste voraus, um die Lage zu sondieren, ihr Schicksal ist ein so übles wie trauriges und da waren sie nur noch acht. Doch die acht Frauen mit ihren neun Kindern beschlossen nun, alles gemeinsam zu meistern und alt und glücklich zu werden, Auswandern war schliesslich auch gefährlich.

Mathildes Mutmachlied:

Wie ein Grab schliesst uns der Jura ein
Helvetien ist kaum zu seh’n
In der Ferne, in Patagonien
Ist der Himmel weit und schön

Auf, auf, ihr Freundinnen
In Patagonien
Wartet das Leben auf uns
Den Atlantik überqueren wir
Singend und frohgemut
Die bittere Not verlassen wir
Singend und frohgemut
Ein kleines Land verlassen wir
Das viel zu viele Menschen zählt
Wo man darbt und früh aus dem Leben geht
Auf, Freundinnen, wir fahren
über den Ozean
Ins ferne Amerika

Auf Freundinnen, wir fahren
Fort aus den armen Kantonen
In ein leben ohne Qual
Fort aus unserem Tal
Auf zu den Patagonen
In ein Leben ohne Qual
Fort aus unserem Tal

Der Weg wird abenteuerlich und Trauriges bringt er den Frauen auch. In Punta Arenas empfängt sie der Gouverneur, er hätte eine Verwendung für die Frauen, sie könnten zum Beispiel die ledigen Männer ehelichen. Doch diese Siedlerinnen waren von anderem Schrot und Korn, sie bauten eine Bäckerei und ein Uhrengeschäft. Waren sie nun ruhend die Zwiebeln, nein, ihre Reise sollte noch lange nicht fertig sein…

Fazit: Die verblüffende Geschichte der zehn “Zwiebeln” und deren Trägerinnen auf ihrer Reise in die Freiheit.
Daniel de Roulet hat in diesem Roman basierend auf erstaunlichen Fakten und mithilfe seines absoluten Können, die faszinierende Geschichte von zehn aussergewöhnlichen Frauen erzählt und somit eine Stück Geschichte lebendig erhalten, welches für die Unabhängigkeit und Stärke der Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts steht. Die Reise und Lebensweise dieser Frauen ist so unkonventionell und funkelnd, gewiss könnte sie in der heutigen Zeit wie ein Erweckungsruf für müde Mädchen wirken, doch diese lesen leider wohl eine solch vergnügliche Geschichte nicht. Alle andern werden beim Lesen beschenkt, welch ein Roman, geschrieben von einem Mann, welch ein Autor, grandios!

Meine Wertung: 8/10

Daniel de Roulet / Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Verlag: Limmat, Seiten: 186
Titel der Originalausgabe: «Dix petites anarchistes» erschienen bei Buchet Chastel
Übersetzt aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle

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