Donat Blum / Opoe

by Manuela Hofstätter on 23. Februar 2019

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Opoe, auf holländisch Grossmutter, Suzanne, die ist verstorben. Donat versteht bei der Beerdigung nicht ganz, wieso ihn deren Tod dermassen aus der Fassung bringt, zumal er seiner Grossmutter gar nicht so nahe gestanden ist. Opoe begleitete ihren Mann Max in die Schweiz, seine Eltern waren nicht erfreut, baten ihren Sohn Max gar, diese Holländerin doch dort zu lassen, wo sie herkam, denn sie werde sicher nicht glücklich in der Schweiz. Doch Max hatte beschlossen, zum Kind, seinem Kind in Opoes Bauch zu schauen und so zog er die Geschäftseröffnung eines Blumenladens in Davos durch. Das Kind in Opoes Bauch war Donats Mutter, diese hielt ihn, Donat, denn auch an, seine Grossmutter ab und zu doch zu besuchen. Die alte Dame siezte ihren Enkel immer und gab sich sehr elegant, aus Erzählungen ergibt sich kein stimmiges Bild über die Grossmutter, Opoe sei immer fröhlich gewesen und enorm grosszügig einerseits, andererseits scheint sie eine einsame, enthaltsame Frau gewesen zu sein, welche die Oper so liebte wie auch die Stadt Wien und doch beide nie echt erlebt hatte. Als Opoe im Altersheim war, besuchte Donat sie noch vereinzelt, einmal besorgte er Strassklebesteinchen, um das hässliche Kabel des Notfallknopfes um Opoes Hals zu verschönern, die Dame war glücklich darüber, nicht viel später kam eine neue Technik und das neue, hässliche Kabel blieb unverziert. Sanft versuchte der Enkel auch seiner Opoe zu erklären, dass es nicht möglich sei, dass sie ihre Mutter kürzlich gesehen habe: “Aber Opoe”, sagte er, “Wie alt bist du jetzt? 92?” Sie nickte. “Da müsste deine Mutter doch nahezu 120 sein.” Donat reist nach Holland, besucht die letzten lebenden Verwandten und Bekannten, die ihm über Opoe und seinen Viertel niederländischen Blutes Auskunft geben können. Daheim wartet Joel, der stille Liebhaber, Joel, der einfach sofort von Donats Mutter und allen akzeptiert worden ist. Joel, der aber klar von Anfang an kund tat, eine feste Beziehung wolle er nicht, man könne immer mehrere Lieben im Leben haben. Doch dann fand er Donat diese andere Liebe, Yuri, der Lebhafte, der einfach zu ihm in die Schweiz reiste und unvergesslich bleibt die Schneeballschlacht, die sie sich zu dritt geliefert haben, er Yuri und Joel. “Yuri ist ein Konzert und Joel ein Bergsee. Das ist doch beides schön.” Das Liebesleben gibt Donat zu denken, da könnte sich auch sein Grossvater Max, wenn er denn noch leben würde, mit ihm austauschen, dem genügte auch nicht eine Liebe, der hatte neben Zusi, wie er seine Frau genannt hat, noch Hanne. Aber was heisst schon genügen, was heisst Lieben und überhaupt, Leben?

Fazit: Spurensucher in Familien- und Liebesangelegenheiten.
Donat Blum geht in seinem Debütroman auf eine Spurensuche, einerseits erforscht er das Leben der ihm doch fast fremden Grossmutter und seines Viertels an holländischen Wurzeln, andererseits stellt er sich die grossen Fragen seines Lebens und Liebens. Darf man, kann man oder soll man gar mehrere Lieben haben? Der Protagonist Donat hat auch die Sehnsucht nach einer Vaterschaft im Herzen, empfindet aber die Hemmschwelle seiner Homosexualität noch als Hindernis. Unbeschwert sind die Momente, die er dann mit seiner Nichte erleben darf, wie schön, ist seine Schwester Mutter geworden. Die Verbundenheit mit Opoe liegt vielleicht genau in diesem Ringen im Leben um Sinnsuche, Liebe und dem Finden des eigenen Glücks. Ein Roman, der mich überrascht hat, einmal innig zärtlich, mal unbeholfene Begegnungen zwischen Enkel und Grossmutter, deren Vergangenheit berührte mich ohnehin. Die Nöte in Donats Leben waren mir dann fast in Teilen lästig, ich lese doch über die Opoe, dachte ich, doch genau da knüpft eben der Autor an, bei zwei Verwandten, vielleicht gar Seelenverwandten, aus unterschiedlichen Generationen, einer oben am Rhein, wo er über Felsen stürzt, die andere unten, wo er ins Meer fliesst. So ist dieses Debüt eines, das betört, aufwühlt und auch ein klein wenig abstösst, eine faszinierende Mischung.

Meine Wertung: 7/10

Donat Blum / Opoe
Verlag: Ullstein fünf, Seiten: 176

Donat Blum am 14. Thuner Literaturfestival – literaare.ch
Zum Ab­schluss des Fes­ti­vals 2019 wer­den zwei De­büt­ro­mane ge­fei­ert, de­ren Ur­he­be­rin und Ur­he­ber eng mit Li­tera­are ver­knüpft sind.
Do­nat Blum (*1986) lebt in Ber­lin und ist seit 2017 Mit­glied der Pro­gramm­kom­mis­sion von Li­tera­are. Mit opoe legt er ein fu­rio­ses, lei­den­schaft­li­ches De­büt vor. Es han­delt von Ab­wei­chung und An­pas­sung, von Liebe und Lust, von Frei­heit und Schmerz. Ver­knüpft wer­den da­bei zwei Ge­ne­ra­tio­nen. Opoe (nie­derl. Gross­mut­ter) kam nach dem Krieg in die Schweiz und konnte hier nicht glück­lich wer­den. Ihr En­kel sucht und ent­deckt ihre Ge­schichte, de­ren Tra­gik bald mit dem ei­ge­nen, kom­pli­zier­ten Lie­bes­le­ben ver­schwimmt.
Ta­bea Stei­ner (*1981) lebt in Zü­rich und hat vor 14 Jah­ren Li­tera­are ge­grün­det. Ihr De­büt­ro­man balghan­delt von ei­ner so trau­ri­gen wie grau­sa­men Kind­heit, von Er­zie­hung und El­tern­schaft und von ei­ner Dor­fidylle, in der al­ler­lei Ge­schich­ten lau­ern und vor al­lem alte, un­aus­ge­spro­chene Ver­hält­nisse die Le­ben al­ler mit­be­stim­men.
Mo­de­ra­tion: Ma­nuela Hof­stät­ter, le­se­fie­ber.ch

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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