Elisa Shua Dusapin / Ein Winter in Sokcho

by Manuela Hofstätter on 17. Januar 2019

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Im Sommer herrscht ein emsiges Treiben im Küstenort Sokcho in Korea, die Grenze zu Nordkorea ist nahe, die Touristen kommen in Scharen. Jetzt aber ist alles still und erstarrt im eisigen Winter, kaum Fremde sind im Ort, in der alten Pension arbeitet eine junge Frau, sie kocht für die wenigen Gäste. Sie will ihre Mutter, die Fischhändlerin, nicht allein lassen, sonst wäre sie wohl kaum hier. Die Mutter hat ja nur noch ihre Tochter, selten kommt ihre Schwester noch zu Besuch. Jetzt ist ein neuer Gast aus der Normandie in der Pension, er ist ein äusserst bekannter Comiczeichner, ein attraktiver, doch auch verschlossener Mann, wortkarg, er ist hier, um einen neuen Band zu zeichnen, sucht Inspiration. Er lehnt ihr Essen ab, dies verletzt sie, ja, sie ist fasziniert von diesem Franzosen, er lässt seine Zimmertüre immer einen Spalt offen stehen, vielleicht für sie? Sie beobachtet ihn gerne, dieses Geräusch, wenn die Feder die Tusche über das Papier zieht, doch ihm scheint etwas nicht gelingen zu wollen, der Papierkorb ist voller zerknüllter Entwürfe. Sie muss ständig an Yan Kerrand denken, dabei hat sie doch einen Freund, zudem hat dieser gerade die grosse Chance vor sich, in der Grossstadt eine Karriere zu beginnen. Sie vermisst ihn nicht, den eitlen Geliebten, der wie so viele Landsleute Schönheitsoperationen unternimmt, um den Durchbruch zu schaffen. Als Kerrand sie bittet, ihn bei einem Ausflug über die Grenze zu begleiten, kann sie ihm den Wunsch nicht abschlagen, sie wechseln wenige Worte, aber weitaus mehr andere Signale. Als ihr Geliebter kurz zurückkommt und sie überrascht, verändert sich Kerrands Verhalten, nun bleibt seine Zimmertüre zu. Ihre Mutter reagiert nicht gerade erfreut auf diesen Franzosen, schliesslich hat sie mit einem solchen ihre eigene Geschichte erlebt und ist darum Mutter geworden. Die Kälte ist heftig, die junge Frau liegt hellwach in der Pension, nur eine Wand trennt sie vom Künstler und sie hört die Feder bis in die Morgenstunden übers Papier tanzen, Kerrand hat seine Geschichte gefunden, er wird bald heimreisen. Sie besitzt eine Zeichnung von ihm, er hat ihr seine Normandie gezeichnet. Er dankt ihr, möchte ihr etwas schenken für ihre Hilfe, aber kann das schon ihre ganze gemeinsame Geschichte sein, da ist doch etwas Unbeschreibliches zwischen ihnen, oder etwa nicht?

Fazit: Zarte Gefühle und Träume im eisig kalten Winter in Sokcho.
Der Autorin ist mit diesem Roman ein Debüt gelungen, welches man nicht so schnell vergisst nach der Lektüre. Diese Kälte, diese Melancholie, die für uns so fremde Kultur Koreas, das ständige Essen von Fisch und die Essstörung der Icherzählerin gehen unter die Haut. Zudem wird hier eine Geschichte erzählt von zwei suchenden Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, sie verändern einander. Koreanische Eiszeit trifft auf französische Kunst, das Ergebnis ist mehr als erwärmend. Wenn die Autorin ihrem Protagonisten Kerrand die Feder in die Tusche tauchen lässt, dann sehen wir die entstehenden Bilder wie auch die anderen Szenen im Buch deutlich vor unseren Augen. Elisa Shua Dusapin zeichnet mit Worten, mit Sprache, mit ihrer Literatur!

Elisa Shua Dusapin hat soeben mit ihrem Buch einen Schweizer Literaturpreis gewonnen:
http://www.literaturpreise.ch/de/schweizer-literaturpreise-2019/elisa-shua-dusapin/

Meine Wertung: 7/10

Elisa Shua Dusapin / Ein Winter in Sokcho
Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl
Verlag: Aufbau, Seiten: 144

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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