Eveline Bachmann-Struchen / Unser Michel

by Manuela Hofstätter on 28. Juni 2018

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Wie schwierig die Geburt war, als Michel als zweites Kind der Familie Bachmann-Struchen zur Welt gekommen ist, bleibt eine erschreckende Tatsache, doch dass der Weg für die ganze Familie noch weitaus beschwerlicher wird, ahnte da noch keiner. Als gesund und kräftig wurde das hübsche Baby beschrieben, doch Michel schreit nächtelang durch. Die Mutter fragt sich, ob Michel den verlorenen Zwillingsbruder vermisst oder gar ihre Nähe, direkt nach der Geburt musste sie sich nämlich einer Operation unterziehen, doch der Vater nahm sich Michel liebevollst an. Bald wird immer klarer, Michel ist anders, er hat Wutanfälle und liegt in seinem Entwicklungsstand weit zurück, Michel wird von Ärzten und Fachleuten untersucht, zermürbend lange dauert die Zeit, bis eine klare Diagnose steht, Michel leidet unter frühkindlichem Autismus. Die Mutter kämpft, ist glücklich, darf Michel während fast zwei Jahren einen Regelkindergarten besuchen und kurz darf er auch am MuKi-Turnen teilnehmen, wird dann aber ausgeschlossen. Es folgt ein ewiges Ringen im Kanton Bern um einen geeigneten Platz für Michel, immer wieder muss er Einrichtungen verlassen, weil man kein geeignetes Personal hat, welches mit ihm umgehen kann, immer wieder wollen die Ämter gemäss Vorschrift auf medikamentöse Therapien beharren oder Michel in geschlossene, menschenunwürdige Orte unterbringen. Der Kampf um einen guten Platz für den Sohn geht einher mit der ständigen Angst der Mutter, den älteren Bruder von Michel zu vernachlässigen. Ein Umzug aber brachte eine Freundschaft, die anhält, denn eine Nachbarin wird zur liebevollen Lebensfreundin und kann mit Michel umgehen. Michel hat sehr feine Antennen, er fühlt, wenn ihm die Menschen offen entgegnen, schenkt ihnen dann Vertrauen und gar ein Lächeln. Nicht alle Nachbarn so wie auch nur die wenigsten Menschen im Alltag sind bereit, sich mit behinderten Menschen zu beschäftigen, sie im Alltag zu akzeptieren oder gar den Kontakt mit ihnen zu wagen. Schliesslich findet sich im Unterengadin in der wunderbaren Chasa Flurina ein Platz für Michel. Michel darf dort frei leben, ohne Medikamente, mit viel Natur, Gemeinschaft und Liebe. Einzig die lange Zugfahrt nach Thun stellt für die Mutter und Michel immer wieder eine Herausforderung dar. Wird die Reise gut gehen, wird Michel nicht ausrasten, werden die Mitmenschen sich menschlich zeigen?

Fazit: Mit Behinderten menschenwürdig umgehen, ein mutiger, ehrlicher Erfahrungsbericht.
“Heute und in Zukunft gibt es auf dieser Erde keine wichtigere Aufgabe, als die Erziehung unserer Kinder zur Liebesfähigkeit”, diese Schlussworte der Autorin dieses Erfahrungsberichtes haben mich tief bewegt, so auch ihre Geschichte zu lesen und Michel ein wenig kennenzulernen. Zudem ist dieses Buch auch eine Liebeserklärung einer normalen Mutter an ihren behinderten Sohn und zugleich ein Aufruf sich zu fragen, was man voneinander lernen kann. Sicherlich begegnen wir im Alltag immer wieder Menschen, die anders sind, die Begegnung mit Behinderten kann sehr verunsichern, doch dieses Buch macht Mut, es immer zu versuchen, die Liebe und Neugier aufeinander kann zu schönen Begegnungen führen und zu einer menschlicheren Gesellschaft. Ein wichtiges Buch auch für betroffene Eltern!

Meine Wertung: 8/10

Eveline Bachmann-Struchen / Unser Michel
Die schwierige Suche nach einem menschenwürdigen Platz
Verlag: Einfach Lesen, Seiten: 76

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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