Fatma Aydemir / Ellbogen

by Manuela Hofstätter on 24. Oktober 2017

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Gül und Elma sind die Freundinnen von Hazal, bald steht eine Party an an der Hazal ihren 18. Geburtstag gebührend feiern will. Doch die 100 Euro, welche Hazal für die Party gespart hat, gehen drauf, als sie im Drogeriemarkt einigermassen ihren Hals zu retten versucht, wo sie eine Gebühr zahlen muss, weil sie einen Lippenstift geklaut hat. Ihre Mutter macht einen Riesenaufstand, und ihr Blick erst, sie guckt Hazal an wie so ein verdammtes Opfer, so, als ob sie wegen des doofen Lippenstiftes jetzt ihr ganzes Leben versaut hätte. Das Leben, das wollte sich Hazal eigentlich schon zwei Mal mehr oder weniger nehmen. Es ist kein einfaches Leben, als türkischstämmiges Mädchen in Berlin aufzuwachsen, mit Eltern, die nie in Deutschland heimisch geworden sind und die immer noch Leben wollen, als wären sie in ihrer Heimat geblieben. Mutter kann ja kaum lesen, geschweige denn schreiben, aber in den Schränken gibt es immer schön zwölf Teller, zwölf tiefe, zwölf flache und zwölf kleine, die Teppiche passen zur Couch, die Schuhe müssen ausgezogen und die Füsse in flauschige Pantoffeln gesteckt werden, gerade bei Mädchen ist das ganz wichtig, denn diese kalten Laminatböden können der Grund sein, dass man später keine Kinder kriegen kann. Hazal wollte einmal Ärztin werden, doch diese Zeiten sind vorbei, rasch Kohle verdienen und weg von zu Hause, das will sie jetzt. Und Party machen, natürlich. Das Geld hat sie wieder besorgen können, endlich soll es in den angesagten Club gehen, sie, die drei Partygirls, mit High Heels, Dekolleté und Schnaps intus, doch der bescheuerte Türsteher lässt sie eiskalt abblitzen, der Arsch. Aber Fluchtis und all die Turnschuhträger, die nicht wissen, wie man sich kleiden sollte, die kommen wohl rein in den Club. Gül, Elma und Hazal sind wütend und dies nicht zu knapp, da muss ihnen eben nicht jetzt ausgerechnet noch so ein Student blöd kommen, ihre Wut entlädt sich und Hazal setzt ihren Ellbogen schlagkräftig ein. Komisch hat er ausgesehen, der deutsche Typ, wie er auf den Geleisen lag und das Blut aus seinem Schädel rann. Hazal wird die Tragweite ihrer Partynacht bewusst und sie flüchtet zu Mehmet nach Istanbul. Hazal war noch nie in Istanbul, ihr Türkisch holpert, aber Mehmet, den sie nur aus dem Netz kennt, scheint okay zu sein. Hazal ist es langweilig in der kleinen Wohnung von Mehmet und dessen Kumpel, sie wird dringend einen Job brauchen, doch nun hat sie heimlich auf einer Website die Meldung gefunden, die sie so fürchtet. Thorsten! Wie kann einer nur Thorsten heissen! Der Typ ist tot, sie haben ihn tatsächlich ermordet. Hazal merkt bald, dass der WG-Kumpel von Mehmet politisch aktiv ist, die Polizei stürmt die WG, Hazal wird verletzt, aber der Gesuchte ist nicht vor Ort. Aus Langeweile liest Hazal die Zeitung und sie fragt sich zum ersten Mal, was das für ein Krieg sein soll, ob sie Kurdin ist und was wohl abgeht. Dann erlebt Hazal Anschläge und stellt fest, dass sie in den falschen WG-Kumpel verliebt war. Doch was soll nun aus Hazal werden? Es gibt keine Zukunft, oder etwa doch?

Fazit: Hazal, oder die Suche nach einer Identität.
Deutsch-Türkisches Aufwachsen in Berlin, eine authentische Story, von einer jungen Autorin geschrieben, das geht tatsächlich unter die Haut und wie. Dieser Roman ist nichts für Leute, die die Wahrheit nur weichgespült ertragen, nichts für all jene, die eine derbe Sprache nicht abkönnen. Aber wer sich traut und diese verbalen Ellbogenstösse hinnimmt, der wird staunen und ein wildes, wahrhaftiges Lebensbild der jungen Hazal und ihres Umfelds geschenkt bekommen. Welch ein Debüt!

Meine Wertung: 8/10

Fatma Aydemir / Ellbogen
Verlag: Hanser, Seiten: 272

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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{ 1 comment… read it below or add one }

1 Janine Oktober 26, 2017 um 17:03 Uhr

Liebe Manuela, das Buch klingt nach einer Menge hartem Stoff aber zugleich spannend.
Es erinnert mich ein wenig an “Der Geruch des Paradieses” von Elif Shafak – kennst Du dieses Werk?
Ich bin jedenfalls neugierig nach dem Inhalt dieser Geschichte und wie es mit Hazal weiterging!
Liebe Grüsse
Janine von https://www.vivarubia.ch/

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