Franziska Schläpfer / Trudi Gerster

by Manuela Hofstätter on 11. Juni 2017

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“Es ist besser, sein Leben zu sehr auszufüllen, als zu wenig!” dies war ein gerne geäusserter Merksatz von Trudi Gerster und tatsächlich hat sie ihr Leben bis ins hohe Alter sehr ausgefüllt gelebt. Im Jahre 2013 ist sie in Basel im Alter von 93 Jahren gestorben. Als Kind war sie der Liebling des Vaters, dieser hatte eine riesige Bibliothek, dort hat Trudi ihre Leidenschaft her, ihr Vater war Mitbegründer der Büchergilde Gutenberg und dann Leiter der Geschäftsstelle in der Schweiz. Damals war das Buch ein Luxusgut. 1933 besetzt Hitlers Sturmabteilung das Verbandshaus der Buchdrucker in Berlin und auch die Zentrale der Büchergilde. Damals war Trudi ein Teenager und sie las und las und las. Lisa Tetzners Märchen erzählt sie schon bald den Nachbarskindern, welche an ihren Lippen hängen, sie war schon damals gerne ein Star. Trudi Gerster hat auch den Krieg und die Judenverfolgung mitbekommen und selber wird sie sich in ihrem Leben häufig für Benachteiligte, für Kinder, Flüchtlinge und die Umwelt einsetzen. Den Karrieredurchbruch legt Trudi an der Landesausstellung 1939 hin, von da an ist sie die Märchenkönigin der Schweiz. In der Liebe ist ihr das Glück nicht hold, ihre erste grosse Liebe, die Ehe mit Walter Jenny, wird geschieden, Tochter und Sohn erleben eine Mutter, die oft durch Abwesenheit glänzt, Beruf und Kinder lassen sich oft schlecht vereinbaren, und genau aus diesem Grund kehrt Trudi der geliebten Theaterbühne auch den Rücken zu und setzt voll auf das Erzählen ihrer Märchen. Aber auch eine zweite Ehe wird geschieden, Maximilian Wolters brachte auch kein Glück in Trudis Liebeswelt, aber gewisse Andeutungen belegen, dass hoffentlich und vielleicht das eine oder andere nicht preisgegebene, süsse Geheimnis Trudi Genuss bereitete. Trudi Gerster wusste sich in Szene zu setzen, sie wurde im Fernsehen wie im Radio und an Anlässen ein richtiger Promi, zahlreiche Tonträger und einige Bücher zeugen von ihrem grossen Schaffen. Märchentante, so durften sie eigentlich nur die Kinder nennen. Ihre Stimme versetzte Jung und Alt in Entzücken und ihre Interpretationen der Märchen sowie ihre Stimme bleiben für Generationen einzigartig und unerreicht. Wenn es darauf ankam, kämpfte Trudi für ihre Kinder, aber diese anerkannten auch die grosse Künstlerin, die in ihrer Mutter steckte, es war nicht immer einfach, sich im Schatten der dominanten Mutter zu behaupten. Ja, eine Diva war sie, aber zurecht, Trudi Gerster wurde auch nachgesagt, sie habe Haare auf den Zähnen und diese bekam wohl manch einer auch auf dem politischen Parkett zu spüren, wo man die Märchenerzählerin gerne auf diese reduziert hätte. Trudi Gerster kämpfte gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst, offen gab sie zu, sie wäre gerne Bundesrätin geworden, Elisabeth Kopp wurde dies dann, wie wäre es wohl Gerster ergangen? Trudi Gerster scheute kein Ungemach, mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Gelder im Kulturbereich forderte sie vehement ein und setzte sich so nicht nur für die Literatur ein, sondern griff auch das Theater Basel wegen zu modernen Aufführungen, die nur kosten würden, an. Sie konnte nicht gut Handarbeiten und hat mehr unternommen mit den geliebten Enkelkindern, als mit ihren eigenen Kindern, doch diese alle lieben sie doch. Alle standen sie Spalier am 70. Geburtstag von Trudi, als diese auf dem Rhein angeschwommen kam, denn das Schwimmen, das war ihr etwas vom Allerliebsten. Zahlreiche Preise uns Auszeichnungen hat Trudi Gerster erhalten, sie ist eine absolut faszinierende Frau, eine Königin, eine famose!

Fazit: The Voice, die unvergleichbare Märchenkönigin, die noch weitaus mehr war.
Fanziska Schläpfer hat dank der schönen Offenheit und Mitarbeit von Trudi Gersters Tochter Esther Jenny-Keshava, ein wunderbares, biografisches Werk geschaffen, welches uns Einblick in das wirklich prall ausgefüllte Leben der Märchenkönigin Trudi Gerster gewährt. Mich hat besonders beeindruckt, wie engagiert und weltoffen, wie politisch und stark diese Frau Trudi Gerster doch war, und wie sehr sie die Literatur geliebt hat! Ich habe dieses Buch mit Wonne und Anerkennung gelesen, ein wirklich starkes Frauenleben!

Meine Wertung: 8/10

Franziska Schläpfer / Trudi Gerster – Ein facettenreiches Leben
Verlag: Stämpfli, Seiten: 176

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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