Gaël Faye / Kleines Land

by Manuela Hofstätter on 22. März 2018

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Gabriel ist ein Junge aus Burundi, er lebt in einer kleinen Sackgasse, seine Mutter Yvonne stammt aus dem Nachbarland Ruanda, doch dort herrscht Krieg. Gabriels Vater Michel ist Franzose. Gabriels Tage sind unbeschwert, wenn er etwa mit seinen besten Freunden bei seiner griechischen Nachbarin aus deren paradiesischem Garten Mangos klaut, um sie dann der gutherzigen Frau sogleich zu verkaufen, als diese heimkommt. Oder, wenn sie schwimmen gehen und er endlich einmal seinen Mut beweist, alle beeindrucken kann und vom Zehnmeterbrett ins Wasser springt. Doch die Eltern sprechen viel über Mutters Heimat Ruanda und über die Ethnien und Politik. Während es die Kinder noch lustig finden zu sagen, du bist klein und hast eine dicke Nase, also bist du ein Hutu, oder du bist gross und dünn mit schmaler Nase dann bist du ein Tutsi, kippt die Stimmung plötzlich hart um. Gabriels Freunde verändern sich, sie sind fasziniert von Gewalt, wollen die Sackgasse beschützen, besorgen sich gar Waffen. Gabriel versteht die Welt nicht mehr, was soll er so an Laure, seiner Brieffreundin in Frankreich, schreiben? Er mag sie sehr, wenn er sie auch noch nie gesehen hat. Es ist ein grosser Tag, als Burundi zum ersten Mal freie Wahlen für alle Menschen hat, euphorisch ist das Volk, als ein demokratischer Präsident als gewählt verkündet wird. Doch die Hoffnung hält nicht lange an, als im Radio Wagners Götterdämmerung gespielt wird, weiss man, der Präsident lebt nicht mehr. Aber richtig schlimm wird es erst, Gabriels Mutter ist ausgezogen, die Probleme der Eltern bereiten Kummer, doch als die Mutter nach Ruanda reist, um ihrer Familie dort beizustehen, erlebt sie derart schreckliche Dinge, dass sie nie wieder dieselbe werden kann. Einzig einen Halt hat Gabriel durch all das Unglück, er hat sich mit der Nachbarin angefreundet, sie hat ihn mit Büchern versorgt und in der Weltliteratur findet ein Junge, der seine Kindheit zu schnell verlieren musste, Trost. Gabriel geht weg und seinen Weg, aber Jahre später kehrt er zurück nach Burundi, Erinnerungen holen ihn ein und er findet mehr als er erwartet.

Fazit: Eine verlorene Heimat, eine zu früh endende Kindheit in Afrika.
Dieser Roman ist in einer unbeschreiblich schönen Sprache geschrieben, das muss wohl so sein, denn ohne diese und ohne die paar sorglosen Momente einer Kindheit, würde man die verarbeiteten Fakten des Romanes kaum ertragen. Der Autor versteht es, uns die Geschichte der Ethnien Afrikas und die Geschichte des Völkermordes verständlich zu machen. Beeindruckend wird uns da eine fremde Kultur näher gebracht, und während ich der Wehmut des Romans nachspüre, lese ich in der Zeitung über das heutige Ruanda. Ein Ruanda, das in Gleichberechtigungsfragen der Geschlechter weitaus besser dasteht als die Schweiz, das weltweit zu den besten Ländern gehört diesbezüglich und ich lese von starken Frauen, die den Männern die weibliche Sexualität lehren wollen, welch ein Land! Ein grossartiger, zurecht preisgekrönter Roman der Literatur und Weltgeschichte meisterhaft verbindet!

Meine Wertung: 8/10

Gaël Faye / Kleines Land
Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann
Verlag: Piper, Seiten: 223

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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