Gérard Salem / Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

by Manuela Hofstätter on 23. Juni 2019

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Boris, vierzig Jahre alt, ist ein erfolgreicher Banker, doch zur Zeit geht es ihm in allen anderen Bereichen schlecht, er steht mitten in einer Kampfscheidung, darf momentan seine beiden Söhne nicht mehr sehen und sein Körper versagt ihm den Dienst. Boris ist krank und weil er Kraft braucht, um gegen die Krankheit anzukommen, muss er auch Sorge tragen zu seiner Seele, also geht er in eine Therapie bei Yuri. Yuri gibt Boris einen Auftrag, er soll seiner Familie einen Brief schreiben, keine Mail, keine Message, einen Brief, von Hand geschrieben, keine einfache Sache, denn Boris hat vor sieben Jahren den Kontakt zu seinen Eltern, seinen Geschwistern und der Familie überhaupt abgebrochen, ist von Frankreich in die Schweiz gezogen und hat sich ein neues Leben aufgebaut, das nun in Scherben vor ihm liegt. Boris schreibt seinen Eltern, allerdings ist das kein schöner Brief geworden, er lässt seiner Wut und seinem Frust freien Lauf und hält sich auch nicht zurück mit anschuldigenden Worten. Boris ist der Erstgeborene, das hiess für ihn, früh Verantwortung übernehmen zu müssen und dann war er plötzlich die Enttäuschung der Eltern, denn er wollte nicht in die Fussstapfen des Vaters treten und dessen Arztpraxis übernehmen. Die liebe, gute, immer beste Charlotte tat den Eltern ja dann diesen Gefallen, sie tauscht sich jetzt sogar mit Yuri aus, denn sie sind Berufskollegen. Boris ist informiert, es ist ihm egal, er will seine Familie gar nicht wieder sehen. Doch dann schreibt ihm seine Mutter zurück, Charlotte, er vernimmt Vieles aus dem Leben seiner Geschwister. Mireille und Luc reagieren auch, alle beginnen plötzlich Briefe zu schreiben. Es ist ein wahres Erdbeben, welches die Familie erschüttert, und dieses Beben erreicht gar einen anderen Kontinent, auf welchem sich auch Familienmitglieder befinden.

Fazit: Familientherapie oder die Kraft der geschriebenen Worte
Gérard Salem ist im letzten Jahr leider verstorben, sein Talent als Autor wie auch Familientherapeut offenbart sich in diesem heilbar schönen Roman. Jede Familie hat ihre Geschichte, jeder Mensch ist geprägt von seinem Aufwachsen, hier vernehmen wir die Stimme eines Versehrten. Boris, der nur seine Sicht vertritt, lässt mit seiner Art des Briefeschreibens eine Lawine ins Rollen geraten, die eine ganze familiäre Sippe über zwei Kontinente und über die Generationen hinweg plötzlich verbindet. Salem war ein bekannter Therapeut, Familienangelegenheiten waren sein Spezialgebiet. Dieser Roman zeigt uns so eindrücklich auf, welche Macht die Familie in einem Menschenleben innehat und was die Magie des Briefeschreibens alles auslösen kann.

Meine Wertung: 7/10

Gérard Salem / Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst
Aus dem Französischen übersetzt von Christian Kolb
Verlag: Dumont, Seiten: 206

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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