Gerlinde Michel / Frei Willig

by Manuela Hofstätter on 6. Januar 2013

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Valerie Bachmann hat eine Kindheitserinnerung, sie sieht ihre Mutter, welche den Vater mit einer Zeitschrift konfrontiert und als kleines Mädchen spürt sie, so wütend war ihre Mutter noch nie. Die Ehe ihrer Eltern vermochte Valerie fortan nicht so recht einzuschätzen und auch ihr Verhältnis zum Vater blieb angespannt. Walter kann sehr zornig werden, völlig unmittelbar, die Tochter hat das früh aus dem Haus getrieben, dabei mag Valerie die zweite Frau des Vaters, die Pianistin Clara Howes ist eine zarte Person. Die Musik ist ein grosser verbindender Nenner zwischen ihnen allen, Walter hat ein eigenes Musiklabel gegründet und eben auch die Alben seiner zweiten Frau gross herausgebracht. Clara ist leider sehr krank, brutal hat die Demenz ihre Person schon ergriffen. Valerie hat etwas getan, das sie sich nie zugetraut hätte, sie hat intuitiv einen Brief ihres Vaters von dessen Schreibtisch weg ansichgenommen, und dieser Brief hat sie an diese komische Kindheitserinnerung wieder ganz nah herangeführt. Allerdings muss erst etwas passieren, damit Valerie den Mut hat, den Brief zu öffnen. Sie trifft beim Besuch ihres Vaters auf den Musikjournalisten Trevor Quinn, doch die Stimmung zwischen Walter und Trevor ist äusserst angespannt, der Journalist will Beweise haben, dass Walters Aufnahmen von Clara Fälschungen sind. Walter weist alle Schuld von sich, aber Valerie glaubt Trevor und ist später durch die Beweise sicher, das der Betrug Tatsache ist. In ihrer Enttäuschung und Wut auf Walter muss Valerie noch weitaus schlimmeres erfahren, als sie den Brief an den Vater liest. Was für eine Vergangenheit hat Walter, die Pfadfindertreffen zu denen er immer reiste waren Treffen mit seinen Tölzer Kameraden? Valerie geht der Wahrheit auf den Grund und muss sich ihr Bild machen. Valeries Mann ist mit Ausgrabungen weit weg beschäftigt, die Tochter weilt ebenfalls sogar auf einem anderen Kontinent, die arme Clara ist, man muss fast sagen zum Glück durch ihre Krankheit unerreichbar für die Tragödie Ihres Lebens, aber Valerie fühlt sich miserabel und allein gelassen mit all ihrer Wut, Verzweiflung und ihren Fragen. Einmal mehr vermisst sie den Halbbruder, der als Junge schon sterben musste und fast erscheint es ihr so, als ob der einfühlsame Musikjournalist ihr einziger Freund in der Not ist. Der schwierigste Schritt steht Valerie noch bevor, den Vater konfrontieren mit den Tatsachen und ihn nach dem Warum seines Lebens befragen und nach der Tragweite seiner Taten.

Fazit: Freiwillig ein grandioses Buch lesen?
Gerlinde Michel ist ein Roman gelungen, welcher anhand einer komplexen Familiengeschichte ein Kapitel der Schweizer Geschichte zum zweiten Weltkrieg offenbart, welches man bis anhin wenig verarbeitet hat. Die Protagonisten in Michels Roman besitzen starke, ausgeprägte Charakteren und prägen sich uns unvergesslich ein. Das Schicksal und das Weltgeschehen hat Spuren in dieser Familie hinterlassen. Die Liebe zur Musik ist oft präsent im Roman und genau so liest er sich auch, wie ein grandioses Musikstück, oft bewegend, manchmal aber überwältigend und fast brutal, doch immer mit grosser Achtung vor allen Protagonisten und deren Beweggründen. Ein Gesamtkunstwerk, ein Lesemuss, das darf man mir gerne glauben!

Die Geschichte des Musikbetrugs wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert: “The Hatto Hoax“. Und was ich auch nicht gewusst habe: Zwischen 1939 und 1945 traten 800 bis 900 Schweizer der Waffen SS in Deutschland bei.

Meine Wertung: 9/10

Gerlinde Michel / Frei Willig
Verlag: Edition 8, Seiten: 243

 


 

Gerlinde Michel

“Es ist immer alles eine Annäherung”
Gerlinde Michel im Gespräch mit Manuela Hofstätter, erschienen am 30.1.2013 auf buchmagazin.ch.

Gerlinde Michel verwebt in ihrem ersten Roman die Geschichte eines Musikbetrugs und einer bis heute wenig bekannten Facette der Schweizer Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zu einer komplexen Familiengeschichte. Manuela Hofstätter traf die Autorin zu einem Gespräch.

Manuela Hofstätter: Gerlinde, du hast eher spät mit dem Schreiben angefangen, warum eigentlich?
Gerlinde Michel: Ich habe immer schon gerne geschrieben, Arbeiten an der Uni, lange Briefe, Übersetzungen, meine redaktionelle Berufsarbeit, und natürlich waren das eher fachliche Texte. Später habe ich nach einem für mich schwierigen Jahr einen Kurs Tanzen und Schreiben besucht, beides mache ich gerne, also dachte ich, diese Kombination gefällt mir. Erstaunlicherweise schrieb ich dann dort Gedichte. Die Kursleiterin ermutigte mich, unbedingt weiter zu schreiben, und so besuchte ich einige Schreibwerkstätten. Eine davon war richtig toll, wir Teilnehmer haben uns gegenseitig sehr inspiriert. Ich schrieb dort Kurzgeschichten, reichte sie an Schreibwettbewerben ein und gewann auf Anhieb dreimal den ersten Preis, das war irgendwie unglaublich. Jetzt wusste ich, das mache ich wahnsinnig gerne, schreiben und abtauchen in eine Geschichte, und das will ich weiterhin machen.

Wo schreibst du am liebsten?
Am allerliebsten in meinem Garten, natürlich geht das nur im Sommer. Am zweitliebsten an meinem Esstisch, da habe ich eine schöne Aussicht auf das Berner Oberland und die Berge Niesen und Blüemlisalp. Und die Kaffeemaschine ist ganz nahe, das ist auch ein wichtiger Punkt.

Zuerst durften wir deine zwei spannenden Krimis lesen, jetzt deinen Roman “Frei willig”, wann und wie bist du auf die Idee für den Stoff zu diesem Buch gekommen?
Ich habe mich schon immer für den 2. Weltkrieg interessiert, besonders die Geschichte des Dritten Reichs und der Nazis hat mich beschäftigt. Bereits in der Schulzeit führte ich heftige Diskussionen, ob die Nazis auch in der Schweiz hätten Fuss fassen können. Ich vertrat immer eher die Meinung, dies wäre möglich gewesen. Dann gab es in der Verwandtschaft den Fall eines jungen Mannes, der in die Waffen SS gegangen ist, aber faktisch erfuhr man darüber nichts Näheres. Das wäre ein Stoff für einen Roman, dachte ich über längere Zeit, und stiess dann auf ein weiteres Thema, das mich faszinierte, dasjenige des CD Betrugs. Zuerst überlegte ich mir, diesen CD Betrug zu einem Krimi zu verarbeiten, doch mein Mann meinte, ich solle endlich meinen Roman schreiben, was ich schon seit langem tun wollte.

In “Frei willig” geht es um zwei grosse Themen, Krieg und Musik, was haben sie miteinander zu tun?
Es ergab sich auf einmal, diese beiden Stoffe zu verbinden, daraus entstand Potenzial für die Entwicklung einer meiner Figuren. Mit dem Musikbetrug versucht meine Hauptfigur, seine noch schlimmere Vergangenheit zu verdecken.

Willst du mit der Thematik der freiwillig der deutschen Waffen SS beigetretenen jungen Schweizern eine Lücke in den Geschichtsbüchern schliessen?
Das war nie mein Anliegen, ich war bloss erstaunt, dass kaum jemand etwas davon weiss. Ich wollte keine Geschichte schreiben zur Vergangenheitsaufklärung, das kann höchstens ein Nebeneffekt meines Romans sein.

Wie viel Rechercheaufwand steckt in “Frei willig”?
Ich habe bestimmt ein Jahr nur recherchiert und dicke Wälzer gelesen. Leider ist die wissenschaftliche Forschung zu den Schweizer Waffen SSlern quasi nicht existent, ich musste mich auf einen Hobbyhistoriker und andere Quellen stützen. Zu den Gerichtsverfahren, welche diese Soldaten in der Schweiz erwartete, wenn sie zurückkehrten und in Untersuchungshaft kamen, dazu fand ich Dokumente im Bundesarchiv. Das fliesst ja auch direkt in meinen Roman ein. Natürlich suchte ich mir Fälle aus, welche in etwa zu meiner Figur passten. Das war sehr aufwendig, aber total spannend. Auch das Buch von Linus Reichlin war wichtig für mich. Auf den Stoff mit dem Musikbetrug bin ich zufällig im Internet gestossen. Technische Details, die für so einen Betrug nötig sind, musste ich mir auch genau ansehen, obwohl ich sie nicht bis zum Letzten verstehe. Diese Recherchen waren jedoch weniger zeitaufwendig.

“Frei willig” ist in einer wunderbaren und exakten Sprache geschrieben, überarbeitest du deine Texte viel und immer wieder?
Ja, das ist mir sehr wichtig, da steckt sehr viel Zeit drin, ein klarer präziser Stil ist mir wichtig. Ich lese meine Texte immer und immer wieder und verändere sie, lese sie auch immer wieder laut, Sprachrhythmus ist mir ein Anliegen. Zudem bin ich eine langsame Schreiberin. Perfektion ist unerreichbar, aber einer meiner Lieblingssätze lautet: “Es ist immer alles eine Annäherung”. Nie könnte ich zwei Bücher in einem Jahr schreiben. Ganz wichtig ist mir dann auch das Lektorat meines Verlages.

Fühlst du dich wohl als Schweizer Autorin, oder ganz gewagt, wie steht es um die Schweizer Literaturszene?
Ich lese gerne und viele Bücher von Schweizer Autoren und Autorinnen, die Qualität ist hoch, da ist eine breite und vielfältige Landschaft vorhanden in der Schweizer Literatur. Die Zusammenarbeit mit meinen Schweizer Verlagen war immer gut und wertvoll, ich schätze das sehr. Für mich käme ein deutscher Verlag weniger infrage, und herausgeben im Eigenverlag möchte ich auch lieber nicht.

Wer darf deine Texte als Erster lesen?
Mein Mann.

Er ist Fachmann in Fragen der Psychologie, fliesst Wissen aus seinem Arbeitsbereich mit ein in deinen Schaffensprozess?
Ja, das kommt durchaus einmal vor, allerdings selten. Zum Beispiel gab es für mich Fragen zum Thema Demenz, eine meiner Figuren ist da ja davon betroffen. Aber ich habe versucht, den Zustand der Demenz nicht wissenschaftlich genau, sondern mit poetischer Sprache einzufangen.

Was bist du gerade am Lesen?
Ich lese immer mehrere Bücher parallel. Zurzeit Das Wüten der ganzen Welt von Maarten t’ Hart, ein Sachbuch einer italienischen Journalistin über iranische Frauen, Das Kalb vor der Gotthardpost von Peter von Matt und von Zsuzsa Bank, Die hellen Tage.

Einmal andersrum gefragt, was liest du denn gar nicht?
Ich mag keine Fantasyromane lesen, ich dachte immer, ich sollte einmal Harry Potter lesen, aber selbst das ist mir nie gelungen. Warum soll ich Zeit verschwenden, um Bücher zu lesen, welche mir nicht zusagen? Was ich auch nicht lesen kann, ist Paulo Coelho, dazu will ich aber nicht mehr sagen.

Schreibst du bereits an einem neuen Buch?
Ja, das ist so, der Roman spielt in Bern, es geht um die Geschichte zweier Familien, erweitert um ein aktuelles politisches Thema, aber mehr verrate ich noch nicht.

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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