Gerlinde Michel / Fremdsehen

by Manuela Hofstätter on 23. Dezember 2018

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Zwei Paare erleben einen schönen Tag, an einer Aussichtsplattform kommt es zur Begegnung mit Folgen. Konstantin und Louisa sind ein erfahrenes Ehepaar, Cyrill und Sophie sind jung und noch nicht so lange ein Paar, die Männer fotografieren gekonnt die Aussicht und nicken sich wohlwollend zu, denn sie haben fachmännisch sofort erkannt, das sie die haargenau gleiche Kamera haben. Man kommt ins Gespräch, beschliesst, sich gegenseitig die Kamera in Kennerhände zu übergeben, um auch mal wieder ein Paarbild zu haben. Als Konstantin daheim sofort die Bilder seiner Kamera auf dem Laptop sichten will, steht Louisa hinter ihm, und was sie zu sehen bekommen sind ganz und gar nicht ihre Fotos und ist ganz und gar nicht für ihre Blicke bestimmt. Die junge, wie Louisa fand ungehalten wirkende Frau von der Aussichtsplattform, ist hier nun ihren Blicken ausgesetzt und von Bild zu Bild weniger bekleidet. Louisa bittet Konstantin, diese Ansicht sofort zu schliessen, da diese nicht für ihre Augen bestimmt sei. Konstantin gehorcht, denkt sich aber seine Sache, er wird diese Fotos später in Ruhe betrachten. Die Aufregung wegen der Verwechslung ist bei beiden Paaren gross. Sophie ist richtig wütend auf Cyrill, sie hatte diesen Fotos mit Unbehagen zugestimmt, weil sie sich genau davor gefürchtet hat, vor fremden Blicken. Ob die beiden Paare einen Weg finden, wieder an ihre Bilder zu gelangen, ist fragwürdig, sie wissen ja kaum etwas voneinander. Doch dieses Fremdsehen von Fotos erzeugt ein Beben im Leben aller vier Beteiligten. Louisa sinniert über neue Ausdrucksformen als Künstlerin nach, Konstantin ist mit seinen Liebschaften ins Schlingern geraten, weil ihn eine Frau an eine grosse, verflossene Liebe erinnert. Konstantin denkt zurück an seine Wurzeln, an Rumänien und die heftige Vergangenheit in der Familiengeschichte während des Zweiten Weltkriegs. Auch Cyrill und Sophie haben in ihren Familienhintergründen Schweres und Unverarbeitetes. Väter, die nicht da waren, Krieg, der Familien belastete, wie wirkt sich das später auf deren Kinder aus? Haben diese zwei Paare die Kraft, das Beben, welches sie erfasst hat, heil zu überstehen, gibt es wieder eine gemeinsame Optik, einen klaren Blick in die Zukunft?

Fazit: Fremde Blicke lösen eine neue Optik aus!
Im neuen Roman von Gerlinde Michel führt ein Missgeschick dazu, dass sich vier Menschen plötzlich gegenseitig ganz neu betrachten, aber auch einige Blicke in ihrer eigenen Biografie zurückwerfen, um mit den unverarbeiteten Themen in ihrem Leben und in ihrer Familie klarzukommen. Die neuen Perspektiven bringen völlig neue Sichtweisen in die Paarbeziehungen wie auch in die Entwicklung der Einzelpersonen. Gerlinde Michel versteht es, dies literarisch anspruchsvoll wie absolut vielschichtig zu beschrieben. Der Roman “Fremdsehen” gewährt tiefe Einblicke in vier Lebensporträts und behandelt auch geschichtlich relevante Details, welche in ebendiese Leben hineinspielen und diese nachhaltig beeinflussen.

Meine Wertung: 7/10

Gerlinde Michel / Fremdsehen
Verlag: Edition 8, Seiten: 200

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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