Gisela Rudolf / Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen

by Manuela Hofstätter on 27. Juni 2010

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Es sind die goldenen 50er Jahre in der Schweiz, und ein kleines Mädchen erzählt das Leben aus seiner Warte. Streng katholisch, da die Familie aus dem Wallis kommt, gehört das Beichten zum Alltag der Kleinen. Allerdings sind die Beichten herzerfrischend, und wir erfahren die Nöte und Ängste, die der strenge Glauben im Kinderherz auslösen kann, zum Glück verfügt die junge Dame aber über einen hellwachen Verstand, welcher sie alles, aber auch wirklich alles hinterfragen lässt. Ein Onkel ist ein Reformierter, das Mädchen mag ihn und seine Religion, er ist viel heiterer, als so mancher Katholik. Bei den Eltern ist sie immer das nervige Mädchen, die Jungs sind viel einfacher, der kleine Bruder Koni ja ach so süss. Egal, schliesslich muss das Leben verstanden werden, dies geht nur durch Fragen und nochmals Fragen. Papa ist Zahnarzt, es geht der Familie gut, auch wenn Papa sich verspekuliert hat beim Kauf eines Blocks, sie können doch immer ein grösseres Haus kaufen und ein schöneres Auto noch dazu, schliesslich gibt es sogar eine Party um den Swimmingpool einzuweihen. Alles in allem eine recht glückliche Kindheit, die Sorgen beschränken sich darauf, ob das neue Kindermädchen aus Italien, nicht wieder verrückt ist, oder genauso lieb wie eines der letzten und ob es denn endlich einmal eines ist, das länger bleibt. Die Erwachsenen haben komische Probleme, Mamma ist eine wunderschöne Frau, doch Papa philosophiert lieber mit Anderen und mit Heidi ist er sehr oft zusammen. Mamma, ist immer fröhlich und trainiert für die Tennismeisterschaften, sie glaubt fest daran, in diesem Jahr wieder Meisterin zu werden. Heidi und Mamma erschrecken sich dann genauso als Papa einen Herzinfarkt erleidet. Nun darf sich Papa nicht mehr so aufregen, aber er ist ein Mensch, der sich ständig aufregt, sei es über die Reformierten, sei es über die Kommunisten, Verwandte welche Selbstmord begehen oder irgend etwas anderes. Die kleine Tochter macht sich weiterhin über alles ihre Gedanken, als sie im Aufsatz schreibt, der Sommeranfang sei der Start des Winters, regt sich der Lehrer bloss auf und erkennt nicht die clevere Denkweise dahinter. Alles ist in Ordnung, das neue Kindermädchen wird bleiben, der neue Hund gehorcht, so dass Papa sich nicht ärgert und der Sommer ist herrlich in Grenchen, doch dann ändert sich schlagartig alles.

Fazit
Die 50er Jahre in der Schweiz, am Beispiel dieser wohlhabenden Familie aufgezeichnet, geben uns einen fantastischen Einblick in alles Charakteristische von Damals. Der freche und gescheite Kindermund des Mädchens, lässt uns hinter der heiteren Fassade der Familie auch in die grossen und Kleinen Abgründe der Menschen blicken. Eine Villa mit Pool, Ovomaltine, Schlager oder die grandiose Stimme der Callas, herrliche Autos, taffe Dauerwellen, Dienstmädchen aus Italien und vieles vieles mehr… Ein unterhaltsames und herrliches Buch über eine Familie und eine Epoche Schweizer Geschichte. Die Autorin hat viele typische Helvetismen und walliser Begriffe im Buch, manche sind mir wohlig vertraute Wörter. Hinten im Glossar sind alle Begriffe übersetzt, so kann jeder lesen was zum Beispiel ein «Bottitschiffra» oder ein «Munzi» ist.

Meine Wertung: 7/10

Gisela Rudolf / Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen
Verlag: weissbooks.w, Seiten: 285

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