Hannah Kent / Wo drei Flüsse sich kreuzen

by Manuela Hofstätter on 11. Februar 2018

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Irland im Jahre 1826. Im kleinen irischen Dorf leben die Leute in Armut und eng mit der Natur verbunden, der Torf schenkt ihnen Feuer und ihre wenigen Tiere sichern ihr überleben und mit Mühe und Not bringt man den Pachtzins zusammen. Martin und Nóra sind Bauern, ihre Tochter lebt weiter weg mit ihrem Mann und einem Sohn. Martin und Nóra haben ihr prächtiges Enkelkind vor zwei Jahren besucht, da war der kleine Micheál strahlend herumgelaufen und hatte munter zu plappern begonnen, welch ein Glück. Doch dann, zwei Jahre später, erlebt Nóra das Gegenteil. Das Unglück schlägt zu und ihre Tochter muss sterben, ihr Mann bringt den kleinen Micheál in grösster Not den weiten Weg zu seinen Grosseltern Nóra und Martin, aber der vierjährige Junge ist in einem schlimmen Zustand, er kann nicht mehr laufen, hat lange, verkümmerte Beinchen und auch seine Sprache hat er offenbar verloren. Die Grosseltern halten ihn versteckt und hoffen, ihn gesund pflegen zu können und dass sein Zustand nur durch Hunger so schlimm geworden ist. Aber das Unheil lässt nicht mehr ab von der armen Familie. Nóra verliert ihren Mann. Männer bringen ihr ihren starken Mann Martin tot heim, einfach zusammengeklappt sei er auf der unheilvollen Kreuzung. Nun ist Nóra Witwe und Micheál verändert sich nicht zum Besseren, die Leute im Dorf munkeln schon, dass dieses verborgene Kind das Unheil ins Tal und in ihr Dorf gebracht hat, sie glauben, das Kind habe den Bösen Blick. Nóra stellt das junge Mädchen Mary ein, um ihr mit dem kranken Enkelkind zu helfen. Mary kommt aus einem entfernten Dorf und will Geld verdienen, um damit ihrer vielköpfigen Familie helfen zu können. Bald ist Mary aber mit Ihrer Arbeit überfordert, Micheál schreit die Nächte durch und bereitet ihr viel Arbeit, zerrt an ihren Kräften und auch die Witwe Nóra ist am Ende ihrer Kraft, sie spricht ihren Enkel plötzlich nur noch in der Es-Form an, denn sie ist sich sicher, dass dieses Kind nicht ihr Enkel ist, sondern eine Fee, ein Wechselbalg und dass die Feen ihren Enkel gefangen. Oberhalb des Dorfes lebt seit gut zwei Jahrzehnten die Heilerin Nance Roche, sie hat von den Feen die Gabe bekommen, allerlei Gebrechen der Menschen mit Kräutern und Pflanzen zu heilen. Nance wird geduldet, auch wenn der neue Pfarrer ihr mit Skepsis begegnet und sie verwarnt. Nance soll in Verbindung mit der Anderswelt stehen, das lässt im Dorf viele Gerüchte aufkommen und nun steht ein harter Winter an. Die Kühe geben zu wenig Milch, die Hühner legen so wenige Eier wie nie zuvor und der Tod schlägt im Dorf erneut zu. Die Dorfbewohner beginnen zu munkeln, dass Nance ja schliesslich von auswärts gekommen sei und vermutlich das Dorf verfluche, weil der Pfarrer ihr nicht gutgesinnt ist. Doch auch der komische Junge, welchen man nie zu Gesicht bekommt, wird von der abergläubischen Nachrede nicht verschont, die Stimmung ist sehr angespannt. Nóra sucht bei Nance Hilfe, um die Fee auszutreiben, dann wird das Wechselbalg zurück in den Feenhügel verschwinden und die Feen werden ihr den geliebten Enkel zurückgeben. Als die Kräuter die angebliche Fee nicht austreiben können, setzt Nance zum Äussersten an, das Wasser, dort wo sich die drei Flüsse kreuzen. Auch Nance ist sich sicher, sie wird das richtige Kind zurückholen und somit auch die liebe Beachtung der Menschen im Dorf wieder erlangen. Mary ist mit dabei, als Micheál ins Wasser getaucht wird und beim dritten und letzten Mal erkennt sie das Unrecht dieses Tuns in aller Klarheit und rennt weg, um zu handeln. Marys Handeln kommt aber zu spät, die drei Frauen werden in die ferne Stadt ins Gefängnis abgeführt. Werden sie alle hängen? Im Dorf hat man sich jedenfalls bereits ein Urteil gemacht.

Fazit: Das alte Irland und der Fluch des Aberglaubens!
Die Kraft der alten irischen Zeit, zwischen Aberglaube, Volksmythen, der Vernunft und der Verbreitung des Wissens, bildet eine absolut eindrückliche Stimmung in Hannah Kents Roman. Erst im Gerichtsprozess vernimmt die Grossmutter erstmals von der wirklichen Krankheit ihres Enkels, und dass diese sogar einen Namen hat, doch dieses Wissen kommt zu spät. Die Kraft des Glaubens an die alten Riten ist enorm, die Leute auf dem Land leben seit Menschengedenken mit der Natur und deren Wesen, den Feen. Selbst wenn hie und da eine Stimme der Vernunft oder des Zweifels aufbegehrt, hat diese keine Chance gegen den weitverbreiteten Volksglauben, der zwischen tiefer Religiosität und Aberglauben pendelt. Dieser Roman basiert auf dem wahren, historischen Fall einer Kindstötung durch Anne/Nance Roche, die im Jahre 1826 einen Jungen im Fluss Flesk in Tralee im County Kerry ertränkt hat und tatsächlich freigesprochen wurde. Die australische Autorin Kent kann sich absolut einfühlen in das alte Irland und diese Geschichte geht uns sehr nahe! Eindrücklicher Lesestoff!

Meine Wertung: 9/10

Hannah Kent / Wo drei Flüsse sich kreuzen
aus dem australischen Englisch übersetzt von Leonie von Reppert-Bismarck und Anja Kirchdörfer Lee
Verlag: Droemer, Seiten: 424

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