Heinrich Steinfest / Die Büglerin

by Manuela Hofstätter on 17. Mai 2018

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Antonja Schreiber, Tonja, wird auf einem Schiff auf dem Meer geboren, ihre Eltern sind berühmte Botaniker und hinterlassen ihr, als sie zu früh sterben, eine beträchtliche Summe Geld, eine grosse Villa mit riesigem Gewächshaus samt chinesischem Paar, welches letztere zwei Dinge enthusiastisch hegen und pflegen, sowie eine Halbschwester. Tonja, inzwischen selbst versierte Meeresbiologin, versteht sich wunderbar mit ihrer Halbschwester, sie bewohnen die oberen Stockwerke der Villa und Tonja hat sie eingerichtet mit wahrlich sehenswerten Aquarien und Tieren darin. Als die Halbschwester Tonja eine Nichte schenkt, ist Tonja stets für diese da, fast mehr liebt Tonja ihre Nichte, als dies deren Mutter tut. Als die Nichte im Teenageralter ist, darf sie mit Freundinnen und Tonja in einem Kino in Wien einen Actionfilm mit Tom Cruise geniessen. Im Kino passiert es, Tonja sitzt oberhalb der jungen Damen auf der Empore des Kinosaals, beunruhigt nimmt sie einen fahrigen Mann wahr, welcher eine sehr bedrohliche Ausstrahlung hat, Tonja lehnt sich weit vor in ihrem Sessel, um einen Blick auf das mobile Telefon des Mannes zu erhaschen und was sie dort lesen kann, ist schrecklich, es ist eine Aufforderung. Der Mann legt das Telefon beiseite, greift nach einem Revolver und Tonja weiss, sie muss handeln, und zwar schnell. Wien feiert die Heldin Tonja, welche Schlimmeres verhindert hat. Nur eine einzige Kugel tötete ein Opfer, dann erschoss sich der Attentäter selbst, doch dieses eine Opfer ist ausgerechnet das liebste in Tonjas Leben gewesen, ihre Nichte. Tonja ist traurig und hat nur noch eines im Sinn, sich für den Rest ihres Lebens zu bestrafen. Sie verlässt Wien, schenkt ihr ganzes Geld der Kirche und zieht nach Deutschland, wo sie sich als Büglerin durchs Leben schleppen will. Tonja bügelt vortrefflich, einzigartig ist ihr Ruf schon bald und sie kommt unverhofft erneut zu viel zu viel Geld, welches wiederum die Kirche bekommt. Wer von Tonja gebügelte Kleidung trägt, der ist gleich viel kompetenter in seiner Wirkung und wächst gar über sich hinaus. Während Tonja sich jeglicher Freude im Leben fernzuhalten versucht, muss sie doch eingestehen, dass sie an einem neuen Hobby Gefallen findet, und zwar am Whisky trinken. Als sie noch einen Gemüsehändler aus dem Gemüseladen “Das grüne Rollo” in ihr Leben lässt, findet sie eine Freundschaft, wie es sie höchst selten gibt in einem Leben. Ihr Freund, der Gemüsehändler, leidet an einer Hyperhidrose, auch darum sicherlich liebt er es, sich im Wasser zu bewegen und so geniessen er und Tonja gemeinsam ihre Schwimmstunden im Hallenbad, wie später sogar ihre Ruderei. Aber die Vergangenheit holt Tonja ein, auf einem Hemd, das sie bügeln soll, entdeckt Tonja das schwarze Quadrat, welches Kasimir Malewitsch im Jahre 1915 gemalt hat und welches ihr als Tattoo auf dem Körper des Attentäters in Wien aufgefallen ist und sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Wem gehört dieses Hemd, was hat es zu bedeuten und findet Tonja Frieden, wenn sie dies herausfindet?

Fazit: Vom Nullpunkt und schwarzen Quadraten, über Schuld, Freundschaft und den Tod. Willkommen im Steinfestuniversum!
Ich bin ja eine glühende Verehrerin von Heinrich Steinfest, ich weiss aber, für die meisten ist er noch immer ein Geheimtipp und viele Leute wollen mir auch nicht glauben, was sie da verpassen, wenn sie das steinfestsche Universum nicht kennen. Steinfest lesen ist ein Hochgenuss, da passieren Dinge in den Hirnwindungen beim Lesen, die kann man nicht nachvollziehen. Hinreissend wie auch absolut zwingend logisch finde ich den Gedanken der Protagonistin, die perfekte Selbstbestrafung zu vollziehen, indem sie Büglerin wird. Ich hasse das Bügeln, und wie! Aber Tonja bügelt perfekt, und wir lernen so einiges auch darüber, während wir Ausflüge in die Abgründe der menschlichen Befindlichkeiten unternehmen. Steinfest ist mit seiner Büglerin ein genialer Wurf gelungen, welch ein Roman, welche Protagonisten, welch famose Fantasie und was für ein blitzgescheiter Autor!

Meine Wertung: 9/10

Heinrich Steinfest / Die Büglerin
Verlag: Piper, Seiten: 288

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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