Heinz Helle / Die Überwindung der Schwerkraft

by Manuela Hofstätter on 6. November 2018

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2018

Sie sind zwei Brüder, teilen denselben Vater, nicht aber die Mutter. In München sind sie gemeinsam unterwegs, spazieren durch die Nacht, sitzen zusammen bei viel zu viel Alkohol und erinnern sich an manches, erfinden wohl auch gewisses und der ältere gerät ständig in nicht endend wollende Litaneien über das Böse im Menschen und die Welt, die dadurch entsteht. Der jüngere Bruder sorgt sich, weiss genau, dass der Bruder ein richtiges Alkoholproblem hat, aber er bewundert seinen grossen Bruder eben auch, immer war dieser der grosse, starke Bruder, ein Bruder, der immer für ihn da war, einer der lachen kann, dass die Wände wackeln. Jetzt lacht der ältere Bruder, wenn er genug getrunken hat, wenn er die Story bereithält, er habe seine Liebe des Lebens getroffen, er werde gar Vater werden, doch dann gerät er wieder in die Fänge seiner Lebensangst. Trauer und Wut auf die Menschheit dominieren über den älteren, er kann nicht fassen, wozu die Menschen fähig sind, Kriege, Gewalt, das absolut Abartige versucht er zu studieren und sinkt damit immer tiefer ins Elend und sein Bierglas. Der grausame Kinderschänder Marc Dutroux und dessen Taten studiert der ältere im Detail, wie so viel Elendes und referiert darüber, dem jüngeren wird es oft zu viel, doch er lässt den anderen gewähren, was sollte er ihm auch entgegnen. Zwölf Jahre älter ist der grosse Bruder und somit sind gewisse Erinnerungen eher dem Bereich Wunschfantasie zuzuordnen, doch wie der grosse ihm vorgesungen hat, als er erst zwei Jahre alt war und abends nicht einschlafen konnte, das weiss der jüngere noch. Als sie sich an diesem Abend trennen, ahnt keiner, dass sie sich in diesem Leben nie wieder sehen werden, wenige Monate später ist der grosse Bruder verstorben, ausgerechnet am Geburtstag des jüngeren. Nun ist der jüngere alleine, bruderlos und erst vor Kurzem in die Schweiz gezogen, er hängt Erinnerungen nach, lebt sein Leben und hinterfragt dieses gründlich. Es ist schon ein paar Fragen wert, was es soll, dieses Leben, denkt er auch noch Jahre später und hält behutsam die Hand seines kleinen Kindes in der seinen.

Fazit: Die Angst vor den Stürmen in einem Menschenleben …
Helles Roman fällt insbesondere durch seine endlos langen Sätze auf. Sinnig sind diese besonders, wenn der in Alkoholdunst sprechende Bruder sie aneinanderreiht, weil er seiner Wut und Angst über dieses Leben und diese unmenschliche Menschheit Ausdruck zu verleihen versucht. Der kleinere Bruder versucht zuzuhören, mitzutrinken und er ist ja durchaus auch ein Philosoph. Bald aber ist er ein jüngerer Bruder, der den älteren zu Grabe trägt und dessen Tod verarbeiten muss. Er sinniert und erinnert sich und geht seinen Weg, findet immer neu heraus, was es sein soll und was es ist, dieses Menschenleben. Es ist nicht einfach, diesen Roman zu lesen, durch diese Sprache und die vielen philosophischen Ausführungen strengt dies durchaus an, doch es ist auch eine Herausforderung, in stürmischen Zeiten über die Menschheit und deren Tun nachzudenken.

Meine Wertung: 6/10

Heinz Helle / Die Überwindung der Schwerkraft
Verlag: Suhrkamp, Seiten: 201

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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