Helen Meier / Schlafwandel

by Manuela Hofstätter on 28. Februar 2006

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Davide ist gestorben, Nora weiss eigentlich überhaupt nicht mehr, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, also plätschert es sinnlos mit ihr voran. Doch da wird das Unmögliche real, sie verliebt sich, zudem noch in eine Frau, eine viel jüngere Frau, sie verliebt sich in Celestina. Es ist so unglaublich, aber es ist echt, es funktioniert, die Liebe ist gegenseitig, genau so wie die beiden Frauen es nicht mehr sein könnten. Wie es bei den grossen Lieben im Leben so ist, ist da auch die Eifersucht, wie köstlich für Nora, dass auch Celestina diesbezüglich nicht immun ist, Nora sieht es als Liebesbeweis. Als solchen wertet sie auch die Ringe, welche sie tauschen, manchmal kann sie die Angst schon fast besiegen, doch die Abhängigkeit ist grösser. Sie ist doch diejenige, die alt ist, sie ist die Einsame, Celestina hat so viele Bekannte und Freunde, zudem merkt Nora auch, dass die Leidenschaft in ihrem Kopf stärker ist als ihr Körper noch erlaubt. Nora sieht voller Panik das Ende vor sich und fast erscheint es uns, sie habe es herbeigerufen, nun wo es sie erreicht hat, soll sie nicht die Beleidigte spielen, das Geschenk der Freundschaft ist ja noch immer da. Freundschaft? Die Enttäuschung und das Leben reissen Nora aus ihrer Trauer und geben ihr schliesslich ihren Stolz zurück.

Fazit
Dichte Beschreibung des Verliebtseins, vor unseren Augen bahnt sich aber das Ende rasch an, die Autorin versteht es die zerstörerische Kraft grosser Gefühle genauestens zu sezieren. Helen Meier ist eine Schweizer Autorin aus dem St. Galler Oberland und hat schon mehrere Literaturpreise erhalten.

Meine Wertung: 5/10

Helen Meier / Schlafwandel
Verlag: Ammann, Seiten: 218

Die Verzückung, der Verrat
Von Pia Reinacher
Aus der Weltwoche 08/06,
http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=13328&CategoryI D=80

“Schlafwandel” heisst das Alterswerk der Schweizer Schriftstellerin Helen Meier. Es taumelt zwischen Menschenliebe und Sozialarbeit.

Ein unterschwellig ungutes Gefühl verlässt den Leser dieser Erzählung bis zum Schluss nicht. Ist das nun ein gelungenes Buch? Was irritiert denn auch den wohlmeinendsten Leser dieser Liebesgeschichte von der ersten Seite an? Irgendwann einmal dann, nach heftigem Stirnrunzeln sowie inneren Verteidigungsmonologen zugunsten des Buchs, die aber jedes Mal ebenso schnell wieder verworfen werden, setzt sich die Einsicht fest, dass es sich bei der Erzählung der 76-jährigen Schriftstellerin Helen Meier nicht um ihr stärkstes Buch handelt. Vergleicht man es aber mit entsprechenden Werken der Schweizer Literatur auch von jüngeren Autoren, steht die couragierte Schriftstellerin, wohnhaft in Trogen, immer noch gut da. Auch in “Schlafwandel”, dieser Geschichte einer lesbischen Liebe zwischen zwei ungleichen Frauen, blitzt ab und zu noch etwas von der alten Robustheit der pensionierten Sonderschullehrerin mit der überbordenden Männerfantasie auf. Immer noch beschreitet sie Wege da, wo sie will, und wie es ihr passt, ohne sich um gesellschaftliche Tabus, eiserne Verhaltensregeln oder opportunistische Anpassungszwänge zu kümmern. Immer noch spürt sie auf diesem durch gesellschaftliche Normen gesperrten Gelände die verborgenen Geschichten auf, die ungestört vor sich hinwuchern. Und immer noch entdeckt sie auch auf diesem abgelegenen Terrain die Gesetze, die Beziehungen bestimmen und zerstören: Anziehung, Verzückung, Verblendung, Eitelkeit, Lüge, Verrat.

Damit ist es nun allerdings noch lange nicht getan. Die literarische Thematisierung einer lesbischen Liebe bedeutet keine wirkliche Tabuüberschreitung mehr. Das Thema allein reicht nicht zu einem erfolgreichen Buch. Da muss die Imaginationskraft, die kühle Distanz der Beobachterin, die Schärfe des Blicks und die Genauigkeit der Sprache eben doch ihren Teil leisten, um den Leser in seinen Bann zu schlagen. Vergleicht man probehalber einige Passagen dieser neuen Erzählung “Schlafwandel” mit ein paar Prosastückchen aus den erfolgreichen Büchern “Trockenwiese” (1984) oder “Das Haus am See” (1987), merkt man sehr schnell, dass Meier nicht mehr die Unbändigkeit des Zugriffs aufbringt, der ihre früheren Bücher auszeichnet.

Reingefallen

Woran mag das liegen? Vielleicht daran, dass die Geschichte einer Liebe zwischen der jüngeren Studentin Celestina und der älteren Nora nicht so sehr die Geschichte einer Leidenschaft ist als vielmehr eine des Selbstverrats, der die Schriftstellerin und ihr Buch am Ende selbst einholt. Passagenweise hat man den Eindruck von Tagebuchnotizen und Niederschriften, die von der Not des inneren Drucks bestimmt wurden. Eine menschlich absolut verständliche Strategie – nur fordert Literatur anderes: Sie will die ironische Distanz, will die radikale Eigenwilligkeit, will die Auflösung des Privaten im Allgemeinen.

Das Ergebnis? Wo Helen Meier früher mit urtümlichen, witzigen Beobachtungen aufwartete, verfällt sie jetzt nicht selten dem Sozialarbeiter- und Psychotherapeutenjargon: “Durch Nora ging ein Schub gewaltiger Freude. Jenes Gehaltensein, das ihr nach Davides Tod verloren gegangen war, jene selbstverständliche Gewissheit, dass ihr Leben sinnvoll war, spürte sie wieder. Eine junge Geliebte zu haben, welch ein Wunder.”

Merkwürdigerweise spiegelt sich dieser sprachliche Selbstverrat ziemlich kongruent in der Beziehung zwischen Nora und Celestina. Die ältere Frau fühlt sich nach dem Tode ihres langjährigen Lebenspartners Davide zu einer jüngeren Frau hingezogen, die aus ganz anderen Verhältnissen kommt als sie selbst: Sie ist reich, neurotisch, einsam, desorientiert. Akademische Bildung entspricht keiner inneren Notwendigkeit, sondern ist Celestina blosses schichtenspezifisches Requisit. Das Kind eines erfolgreichen Industriellen wurde zwischen den Grosseltern in der Schweiz und den Eltern in Hamburg jahrelang hin- und hergeschubst. Ein armes, reiches Kind, das alles hatte, ausser der Wärme, die es dringend brauchte. Jetzt kompensiert sie die verdrängte Einsamkeit mit einer Beziehung zu Nora. Aber ist das Liebe? Oder gegenseitige Täuschung? Ein Ablasshandel zwischen Mutterkomplex und narzisstischer Selbsterhöhung? Liebe oder Selbstliebe im fortgeschrittenen Stadium – durch das ständige Sich-Sonnen im Glanz der jüngeren Geliebten? Ist es Leidenschaft oder ein Sich-Schmücken mittels vampiristischer Partizipation an der Aura des verwöhnten Kindes?

Innerlich nämlich liegt die alte Frau auf den Knien. Von allem, was die Jüngere auszeichnet, lässt sie sich blenden und betet es an – allerdings unübersehbar im Dienste des eigenen Ego. Signale für die Liebe findet man dementsprechend selten, dagegen stolpert man immer wieder über verräterische Sätze wie diese: “Ja (sagte Nora), ich bin stolz. Unter Millionen von Frauen meines Alters bin ich eine der ganz wenigen, die eine junge Geliebte haben.” Einmal wird sie im Schauspielhaus zusammen mit der jüngeren Geliebten von einem alten Freund gesehen, der sie prompt auf die Begleiterin anspricht. “Ich hoffe, du bist neidisch”, kommentiert Nora. Alles an Celestina macht Nora einen viel zu grossen Eindruck. Schlimmer noch: Sie vergrössert das Bild der Geliebten im Dienst der Selbstliebe ins Monumentale und übersieht dabei durchwegs das Fassadenhafte der anderen Identität. Celestina nämlich verkehrt nur in “besseren Kreisen”. Dauernd ist von Juristinnen und Anglistinnen, von Germanistinnen und Schauspielerinnen, von Doktorats- und Habilitationsarbeiten die Rede, was der ungebildeten Nora einen gewaltigen Eindruck macht. Dass daran vieles hohl sein könnte, übersieht sie. Dass die junge Geliebte sie verrät, indem sie vor den Freundinnen so tut, als ob die ältere Frau nur zufällig dabei wäre, ignoriert sie. Bildung und Kultur entsprechen keiner inneren Notwendigkeit, sondern sind lediglich sozioökonomische Faktoren, mit denen der eigene Platz auf der gesellschaftlichen Hierarchieleiter bestimmt wird. Nora fällt darauf herein.

Und darauf fällt leider auch das Buch herein. Denn wo die Schriftstellerin früher mit verrückten Beschreibungen schrulliger Figuren aus Altersheimen und Sonderschulen beeindruckte, rapportiert sie die vielen Kulturreisen des Frauenpaares in anerkannte Kulturstätten, nach Österreich, Deutschland oder Italien – platte Reiseführerliteratur mit rein illustrativem Charakter, in der die störende, bewusstseinsverändernde Funktion der Kultur nie auch nur ansatzweise zu erahnen wäre.

Das ist schade. Und geht, wie nicht anders zu erwarten ist, schlecht aus. Der Selbstverrat entzieht Nora je länger, je deutlicher den Boden unter den Füssen. “Der stille Zusammenbruch ihres Selbstvertrauens und ihrer geschlechtlichen Kraft begann”, heisst es gegen Ende des Buchs, als die Krisensignale schon unübersehbar sind und der Bruch zwischen dem ungleichen Paar sich abzeichnet.

Helen Meier legt mit ihrem Alterswerk “Schlafwandel” die Geschichte einer Verblendung vor, die in der Selbsttäuschung anfängt und im Debakel endet.

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