Ian McEwan / Kindeswohl

by Manuela Hofstätter on 8. Januar 2015

Post image for Ian McEwan / Kindeswohl

Seit über dreissig Jahren sind Fiona Maye und ihr Mann Jack verheiratet, er Geschichtsprofessor, sie hoch angesehene Richterin am High Court in London, sie leben ein recht harmonisches Eheleben und begegnen einander noch immer achtungsvoll. In letzter Zeit hat die Arbeit sie so vereinnahmt, dass sie sich oft lange nicht sehen und es ist auch die Arbeit, die ihnen die Entscheidung der Elternschaft abgenommen hat. Sie sind kinderlos geblieben und manchmal empfindet Fiona bei Gedanken an Kinder eine leise Wehmut in sich. Allerdings hat Fiona rein gar keine Zeit für wehmütige Gefühle, überhaupt sind Gefühle etwas, das in ihrem Beruf nicht Platz hat. Sie muss glasklar Denken, Logik, Sachlichkeit, absolute Gesetzestauglichkeit, da ist Fiona in ihrem Element, sie liebt ihren Beruf, ihre Verantwortung. Jetzt hat sie erneut wieder etliche hässliche Scheidungsfälle hinter sich und einen besonders eiligen Fall auf dem Tisch, ein bald 18-jähriger an Leukämie erkrankter Junge benötigt schnell Bluttransfusionen. Aber der Junge wie auch seine Eltern lehnen dies vehement ab, sie sind Zeugen Jehovas. Ohne diese Transfusionen wird der junge Mensch qualvoll sterben. Fiona muss kühl, klar und professionell urteilen, das ganze Land verfolgt diesen Prozess, der Zeitdruck macht diese Sache noch heikler. Ausgerechnet in dieser Extremsituation will Jack von seiner Frau den Segen für eine Affäre, er liebe sie, keine Frage, aber er brauche auch Leidenschaft, Erotik und Sex. Fiona ist tatsächlich ratlos und ein wenig angeschlagen, so oft hat sie es mit tragischen, peinlichen Paarthemen zu tun bekommen, aber wie reagiert sie nun, sie persönlich? Fiona muss die Situation meistern, die Arbeit gibt ihr Halt, sie handelt, urteilt, rettet ein Leben. Aber was ist mit ihrem Leben, ihrer Ehe? Sie hat einen Fehler begangen, wird sie dieser Fehler einholen, ist dieser Junge wirklich gerettet und kann sie ihre Ehe retten?

Ian McEwan / Kindeswohl

Fazit: Recht so?
Ein hochmoralischer Roman, Gerechtigkeit in der Waagschale mit Religion, Liebe und Selbstbestimmung am Ringen für das Richtige. Gibt es das Richtige? Was ist eigentlich Recht? McEwan lesen heisst Denken, dieser Roman ist ein üppiges Mahl für unsere Hirnzellen. Hochaktuell auch die Frage nach dem Kindeswohl und die Probleme, welche Religionen auslösen können. Welche Ethik und Moral sollen wir im Heute leben? Entsprechen unsere Gesetze noch den Anforderungen der Zeit?

Meine Wertung: 8/10

Ian McEwan / Kindeswohl
Verlag: Diogenes, Seiten: 223

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

Letzte Artikel von Manuela Hofstätter (Alle anzeigen)

Share on Pinterest
There are no images.
Share with your friends










Submit

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment