Ilona Jerger / Und Marx stand still in Darwins Garten

by Manuela Hofstätter on 12. Mai 2018

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Der Leibarzt Doktor Beckett geniesst einen ausgezeichneten Ruf in London und weit herum im England des Jahres 1881. Er zählt zwei alternde, berühmte und grosse Männer zu seinen Patienten. Karl Marx, der mitten in London in der Maitland Park Road ein fast ärmliches Leben führt und nur durch die finanzielle Unterstützung seines gut betuchten Freundes Engels überleben kann und dadurch in den dringend nötigen Genuss ärztlicher Hilfe kommt. Doktor Beckett tadelt Marx, denn dieser kann selbst mit einer schlimmen Lungenentzündung nicht von seinen geliebten Zigarren lassen. Marxs Arbeitsort ist das pure Chaos, überall stapeln sich zerfledderte Bücher, darunter auch Werke Darwins, wie etwa sein berühmtes Werk “Die Entstehung der Arten”. Durch Lenchen, Marxs treu ergebene Haushälterin, erfährt der Arzt von Marxs düsteren Seiten und er hat Mitleid mit Lenchen. Im prächtigen Haus von Darwin in Kent fällt Doktor Becketts Auge auch auf ein Werk von Marx; “Das Kapital”. Allerdings hat Darwin nur wenige Seiten davon gelesen und wettert gelegentlich über die Deutschen und deren unverständliche Sprache. Darwin hat seine liebe Mühe mit Marx, auch weil er sich entschieden wehrt, vor einen Karren gespannt zu werden für dessen Zwecke und diejenigen der Freidenker, welche in Darwin ihre grosse Bestätigung sehen, dass Gott und die Religion tot seien. Im Hause Darwin herrscht zum Thema Religion ein grosses Unwohlsein zwischen Darwin uns seiner Frau, welche sehr gläubig ist und ihre liebe Mühe hat mit ihrem Mann, der seit seiner Reise- und Forschungsjahren vehement dem Christentum und allen Religionen abgeschworen hat. Die Darwins sind aber mit einem Priester befreundet. Doktor Beckett streut bei den beiden Patienten gewisse Informationen über den jeweils Anderen, er hat eine innige Beziehung zu beiden und stellt sich eine Begegnung der beiden alten Herren als grossartige Sache vor. Als es tatsächlich zu dieser Begegnung kommt, weiss Beckett nicht einmal etwas davon und es ist eine äusserst explosive Angelegenheit, bei welcher Marx und Darwin schliesslich im Garten wandeln, um ihre erhitzen Köpfe wieder freizubekommen. Beide sind sich einzig einig darin, dass sie beide die Welt verändert haben und beide hoffen zu einem Besseren und zu mehr Wissen. Marx sehnt sich nach der Revolution der Menschheit, während Darwin mit dieser hadert und sich unverstanden fühlt.

Fazit: Und wenn sich Marx und Darwin je begegnet wären …
… dann wären zwei grosse Denker und Männer dieser Zeit, welche tatsächlich gar nicht so weit voneinander entfernt lebten, wohl auf äusserst interessante Art und Weise aufeinandergeprallt. Mit genau dieser Fiktion baut Ilona Jerger ihren unterhaltsamen Roman auf und vermittelt uns einerseits vieles aus dem Leben der beiden Männer, wie auch so manches, das uns reizvoll unterhält beim Lesen. Marx und Darwin haben in der Tat viele Parallelen in ihrem Leben, zum Beispiel ihre religiöse Kindheit, welche dann in ein Gegenteil kippt. Ihre Vaterschaft, ihren schon fast krankhaften Arbeitsrausch und ihr Leiden im Alter. Etliche von Darwins Thesen und Versuchen sind sehr stimmig erzählt, Marx ist etwas weniger greifbar dargestellt. “Das Kapital” steht immer noch an Ort und Stelle, diese Tatsache kann man in Darwins Haus bis heute persönlich betrachten gehen, ebenfalls den “Wurmstein” im Garten. Ein kurzweiliger Roman, eine neckische Erinnerung an zwei bekannte Männer und deren weitaus genauso faszinierenden Frauen und Familien.

Meine Wertung: 7/10

Ilona Jerger / Und Marx stand still in Darwins Garten
Verlag: Ullstein, Seiten: 279

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 Mikka Gottstein Mai 24, 2018 um 11:55 Uhr

Hallo,

dieses Buch hat mir eine Lesefreundin von der Frankfurter Buchmesse mitgebracht, und da steht es immer noch ungelesen… Dabei finde ich das Buch vom Thema her eigentlich hochinteressant!

Was wäre wohl wirklich geschehen, wenn diese beiden Männer, die auf ihre jeweilige Art die Welt verändert haben, sich begegnet wären?

Das Buch werde ich auf jeden Fall noch lesen, allerdings habe ich versprochen, es erstmal einem Mitglied des örtlichen Lesekreises zu leihen, der sich momentan sehr mit Darwin und Marx beschäftigt. Aber danach!

Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

LG,
Mikka

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