Ivna Žic / Die Nachkommende

by Manuela Hofstätter on 6. November 2019

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2019

Die Icherzählerin ist eine ständig reisende Frau, Zug- und Busfahrten prägen ihr Leben, schaffen grosse Zeitfenster, wo der Körper auf Sitzen ruht und die Gedanken dafür umso mehr Flügel bekommen. Es sind Reisen nach Zagreb, Paris und weitere hin und zurück, zurück nach Zürich etwa. Die Gedanken reisen zurück in die Kindheit, Erinnerungen an die Grossväter tauchen da auf. Der Grossvater, der wieder und wieder weite Märsche unternommen hatte um weg, einfach weg von Zagreb zu kommen, der durch die schönen slowenischen Wälder flüchtete, lief und stetig wieder zurückkehren musste. Auch seine Ruhestätte ist nun in Zagreb im Grab unter dem Grab seiner Frau. Doch da ist die noch verbleibende Verwandtschaft, die beständig nach ihr ruft, wann kommst du, du kommst doch? Du musst kommen! So reist sie und reist, liebt das Licht in Zagreb, den Fluss der Sava, den Kanonenschuss, diese Farbenpracht. Da gibt es Hochzeiten, Taufen und Geburtstage, sie reist hin, sie feiert keine Hochzeit, sie schreibt. Sie denkt an kuriose Verbindungen, Wiederholungen, ihr Grossvater hatte gemalt und dieser Mann, den sie nun hat und der doch nicht der ihre ist, der malte auch, eben beide taten dasselbe und hörten irgendwann damit auf, über die Gründe kann man nur nachdenken. Doch der Mann, dieser Mann, der nicht ihrer ist, hat eine Frau, ist Vater, hat ein Leben neben dem Leben mit ihr … Sie fragen sie, die anderen fragen sie so oft, schreibst du noch, wo lebst du, liebst du? An Festen essen sie gemeinsam Ćevapčići, trinken den immer gleichen Schnaps zur immer gleichen Musik, als hätte die vergangene Zeit nicht Kriege gebracht.

Fazit: Zwei Pässe und eine Heimatsuche!
“Was haben nackte Füsse mit Zugehörigkeiten zu tun”, fragt Ivna Žics Protagonistin in diesem Roman, der uns doch einiges abverlangt. Wir müssen mit den Zeitsprüngen dieser leidenschaftlichen Autorin und ihrer Protagonistin zurechtkommen und mit der wechselhaften Geschichte ihres Geburtslandes. Doch dann schenkt uns dieser Roman so viele Kostbarkeiten, so intensive Szenen voller melancholischer Poesie, eine sinnliche Sprache auf der Suche nach einer Heimat. Wo finden wir Heimat, in der Familie, einer Liebe, einem Ort, in Erinnerungen oder gar nur in uns drinnen? Ein Roman, der an die Geschichte Kroatiens erinnert, uns in die herausgeputzte Stadt Zagreb und deren Geschichte mitnimmt und nebst all dem noch über das Leben und Lieben, über Heimat und Familie so vieles zu sagen hat.

Meine Wertung: 7/10

Ivna Žic / Die Nachkommende
Verlag: Matthes & Seitz, Seiten: 168

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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1 monerl November 7, 2019 um 10:43 Uhr

Hallo Manuela,
vielen Dank für diese Buchbesprechung! Da meine Wurzeln kroatisch sind, bin ich immer auf der Suche nach tollen Bücher aus der Heimat meiner Eltern. Ich kenne Land und Leute aber die Literatur habe ich noch nicht so richtig erobert, bin aber auf dem Weg dorthin. ;-)
Dieses Buch klingt sehr gut und ich habe es mir sofort auf die Merkliste gesetzt. Werde mich gleich mal umsehen, wo ich es herbekomme! Falls ich dir einen Tipp geben darf, empfehle ich dir Das Echo der Bäume von Sara Nović. Ein sehr gelungenes Buch mit Thema Jugoslawienkrieg.
GlG, monerl

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