Jean-Paul Didlierlaurent / Die Sehnsucht des Vorlesers

by Manuela Hofstätter on 29. Oktober 2015

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Guylain Vignolles steigt jeden Morgen zur selben Zeit in den Regionalzug, wenn er zur Arbeit fährt, setzt sich immer auf den Klappstuhl und öffnet seine Mappe, richtet die Papierbögen und beginnt mit Vorlesen. Man kennt ihn mittlerweile, ja, manche steigen extra immer an derselben Stelle ein, denn sie wollen den Vorleser hören, so komisch seine Texte zuweilen auch einmal sein mögen. Guylain liest aller Arten von Text vor, auch mal aus dem Gartenfachbuch oder Erotisches, das zuweilen für rote Köpfe sorgt und ihm fast peinlich ist. Aber er liest eben vor, was diese unsägliche Maschine bei seiner ihm verhassten Arbeit übrig lässt am Abend. Die Zerstör 500 erledigt ganze Lastwagenladungen voll mit Büchern, welche dann nur noch als Altpapier und im besten Fall für neue Bücher nützlich sind. Die Zerstör hat auch Guiseppe, einem seiner zwei einzigen Freunde, die Beine abgefressen, er hasst seinen Job wirklich, er liebt doch die Bücher! Jeden Abend steigt er also höchstpersönlich runter und hinein in das scheussliche Ungetüm und nimmt dort sofort seine Schützlinge an sich und versteckt sie, seine paar Schätze, welche die Zerstör nicht erwischt hat. Guylains zweiter Freund ist der Pförtner Yvon, er sitzt im Wachhäuschen an der Schranke und redet fast nur in Versen, aber wehe dem Lastwagenchauffeur, welcher zu Unzeiten um Einlass zu bitten versucht, dem prallt eine geballte Ladung Dichtkunst entgegen, der wird so etwas nie wieder wagen. Als Guylain eines Morgens im Zug einen roten USB-Stick an sich nimmt, der verloren da lag, hat er nur edle Absichten, als er diesen in seinen Computer steckt. Aber was er dann lesen kann, gibt ihm nicht etwa die Besitzerin des Sticks bekannt, nein, diese offenbart sich nur in äussert gelungenen Texten. Guylain beginnt nun diese Texte vorzulesen, denn er muss sie selber alle lesen, lachen, staunen und sich gar sehnen nach dieser aussergewöhnlichen Klofrau, welche sie offenbar geschrieben hat. Jawohl, eine Klofrau. Zumindest ist das ihr Job, und bei diesem ergeht es ihr schon zuweilen ähnlich wie Guylain, denn der Mensch menschelt kaum an einem Ort so sehr, wie auf dem Örtchen, und das ist zuweilen eine richtig grausige Angelegenheit. Aber einmal im Jahr zählt die fabelhafte Schreiberin die weissen Kacheln ihres Reiches, und wenn alles hell glänzt und strahlt, dann ist die Welt fast in Ordnung. Guylain beginnt sich nach dieser Frau zu sehnen, ob es sie wirklich gibt, oder ist sie die Erfindung eines famosen Schriftstellers, ist sie eine alte Dame gar, oder doch so, wie man sie sich vorstellt, in seinem Alter vielleicht gar und bezaubernd?

Jean-Paul Didlierlaurent / Die Sehnsucht des Vorlesers

Fazit: Der Vorleser und die Klofrau, eine betörende Geschichte!
Was für ein Roman, dieses Debüt lässt uns gleichzeitig lachen und dahinschmelzen, es ist eine Ode ans Lesen, eine innige Liebe zu den Büchern lässt uns diese Zerstör 500 gleichermassen hassen und das Wort Makulatur macht uns Gänsehaut. Doch diese Geschichte ist schräg, einfach göttlich und kostbar zugleich! Lesen! Sofort! Da kommt kein Herbstblues auf, garantiert nicht! Ach ich bin verliebt in dieses Buch, es ist übrigens innerhalb von drei Wochen bereits international in 26 Sprachen übersetzt worden und die Filmrechte sind auch schon verkauft.

Meine Wertung: 9/10

Jean-Paul Didlierlaurent / Die Sehnsucht des Vorlesers
Verlag: DTV, Seiten: 223

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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