Joachim Schnerf / Wir waren eine gute Erfindung

by Manuela Hofstätter on 20. Oktober 2019

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Salomon ist bekannt für seine KZ-Witze, oh, wie er es immer liebt, damit alle zu schockieren, die Bestürzung auf ihren Gesichtern zu sehen, und wie herrlich ist es, wenn manchmal jemand sogar mit ihm lachen muss. Er hat seine Nächsten verloren in Konzentrationslagern, sein Überleben verdankt er der Willkür einer fremden Hand. Doch Salomon hat eine Familie gegründet, gelebt, seine beiden Töchter, Michelle und Denise, haben ihm Enkelkinder und unterhaltsame Schwiegersöhne geschenkt. Aber das Leben hat ihm nun seine geliebte Sarah genommen, seine sanftmütige Frau, die immer alle Wogen zu glätten wusste, ach, was vermisst er ihre Hände, welche immer mit seinen verbunden waren, selbst im Schlaf. Heute nun ist Seder, es ist der erste Sederabend ohne Sarah, Salomon will dafür sorgen, dass das Festmahl gut ausgerichtet wird, die Familie die alten Geschichten vom Auszug aus Ägypten bis hin zum hier und jetzt mit den alten und neuen Familiengeschichten hört, den Zusammenhalt findet. Patrick, sein Schwiegersohn, der seine mürrische Tochter Michelle geheiratet hat, wird wieder seinem nervösen Magen unterliegen und mit seinen Durchfallattacken die Toilette häufiger sehen als die Familie, was eventuell genau richtig ist. Denise wird wie immer versuchen, ihre Schwester nicht zu reizen, sich unsichtbar zu machen und das Feld ihrem fantasievollen und lautem Mann Pinhas überlassen, welcher schon zwei Kinder mit in ihre Ehe gebracht hat, welche sie mit ihm nie gemacht hätte. Die Enkelkinder, sie sind frisch und wild, eine wahre Freude, da unberechenbar. Tanja etwa, die gar nach der Existenz Gottes zu fragen wagt, welcher Gott konnte solche Gräueltaten dulden, wie sie den Juden widerfahren sind? Ohnehin gab es in ihrer Familie nun alle Variationen, sämtliche politischen Lager, von links bis rechts, und er, der alte Salomon, gab nun eigentlich den Schiedsrichter, mehr schlecht als recht, wie soll man eine solch verrückte Familie zusammenhalten ohne Sarah? Schliesslich ist es der Enkel Samuel, der die richtigen Worte findet, wenn die Sedernacht naht, die erste ohne Sarah …

Fazit: Von schrecklich schönen Familienfesten, oder Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
Joachim Schnerf schreibt in seinem Roman von einer jüdischen Familie, welche das wichtigtse Festessen im Jahresablauf nun zum ersten Mal ohne die Grossmutter feiern soll. Familienfeste sind ja ohnehin immer etwas von abstrusesten aller Zeiten, in jüdischen Familien jedoch ist das eine noch weitaus grössere Sache, wenn nicht die grösste Sache im Leben überhaupt. Wie soll das Salomon ohne seine geliebte Frau Sarah überwältigen? Dieser Roman bringt uns den unverwüstlichen jüdischen Humor näher, welcher mir im Buch wirklich zu krass an die Nerven ging, Salomon hingegen hätte dies zutiefst erfreut! Ein mutiges und ein wildes, ein absolut schräges Buch, mitten aus einer Jüdischen Familie in unser Herz hinein geschrieben. Eine feine Liebesgeschichte, ein Familienroman, stimmungsvoll und berauschend.

Meine Wertung: 7/10

Joachim Schnerf / Wir waren eine gute Erfindung
Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis
Verlag: Antje Kunstmann, Seiten: 144

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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