Jonas Hassen Khemiri / Alles, was ich nicht erinnere

by Manuela Hofstätter on 28. August 2017

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Samuel weilt nicht mehr unter den Menschen, er ist gestorben, als sein Auto mit hoher Geschwindigkeit in einen Baum krachte. Ein tragischer Unfall, die Bremsen des Autos waren auch nicht mehr ganz in Ordnung, meinen die einen, so auch Samuels Mutter, welche immer wieder beteuert, was für ein froher und feiner Sohn ihr Samuel doch war und wie innig ihre Beziehung mit täglichen Telefonaten. Aber als da ein Schriftsteller bei ihr anfragt, weil er ein Buch schreiben über Samuel will, möchte sie kein Treffen akzeptieren und auch kaum Auskünfte erteilen. Stockholm ohne Samuel, wer war er den nun, dieser junge Mensch? Der Schriftsteller begegnet vielen Antworten, Thesen und Beschreibungen, komisch sei Samuel schon gewesen, mit seinem schlechten Gedächtnis, welches ihn nervte und seiner Gier nach Erfahrungen, so unmöglich diese auch waren, Hauptsache etwas Neues konnte der Sammlung von Erfahrungen hinzugefügt werden. War er ein depressiver Mensch Samuel, oder hatte er nur die falschen besten Freunde und die falsche grosse Liebe? Laide, sie war seine Geliebte, hat ihn verlassen, sagt man. Sie zeigt sich einerseits schon schwer getroffen, als sie von Samuels Tod erfährt, doch sie verweist auf einen anderen Schuldigen, Vandad, den Riesen, den geldgierigen Schlägertypen, mit welchem Samuel zusammengewohnt hat. Vandad gibt unumwunden zu, er selbst arbeitete auch im zwielichtigen Milieu, doch die Freundschaft mit Samuel, die war echt und unvergleichbar, in einer solchen Freundschaft geht es nie um Geld, es zahlt einfach derjenige, der das gerade kann. Samuels Grossmutter ist dement, Samuel war ein liebevoller Enkel, besuchte die alte, zuweilen störrische Dame oft, aber was keiner in der Familie wusste, ist, dass Samuel gemeinsam mit Laide im verlassenen Haus seiner Grossmutter Not leidende Frauen und Kinder verschiedenster Kulturen unterbrachte, die sich vor ihren gewalttätigen Männern verstecken mussten oder sonst auf der Flucht waren. Vandad half zur Not auch aus bei dieser geheimen Sache, doch dann ging alles ganz gewaltig schief, immer mehr Menschen lebten in dem Haus und die Lage eskalierte! Samuel selbst hat auch schwedisch-muslimische Wurzeln gehabt, wo liegt nun die Wahrheit, der Schriftsteller gestaltet uns mit noch weiteren Personen und Begebenheiten ein Bild des Verstorbenen, wer ist er eigentlich, der Schreiberling, warum schreibt er diese Geschichte auf?

Fazit: Was bleibt, ist die Erinnerung, oder?
Samuel, ein viel zu jung Verstorbener, wird zum Hauptprotagonisten eines Romanes, der Schriftsteller macht sich auf eine Spurensuche, was entsteht für ein Bild eines Menschen, wenn man sein Umfeld befragt, finden sich Antworten auf die Frage, ob Samuel verunfallte, oder ob er einfach nicht mehr Leben wollte? Dieser Roman hat mich lesetechnisch recht gefordert, doch bald mochte ich diesen Reiz, mich immer wieder zu fragen, wer gerade das Wort hat und immer wieder ein anderes Puzzleteilen aus dem Leben von Samuel zu entdecken. Intensive Szenen sind mir aus diesem Roman im Herzen hängen geblieben. Wie etwa, als Samuel sich im feinen Restaurant ein Glas Wasser langsam über den Kopf giesst, um in Laides Gedächtnis zu bleiben. Schön, Samuel ein wenig kennengelernt zu haben. Ein besonderer Roman, übrigens ein ausgezeichneter noch dazu, Khemiri erhielt dafür den renommiertesten Literaturpreis Schwedens, den August-Preis.

Meine Wertung: 7/10

Jonas Hassen Khemiri / Alles, was ich nicht erinnere
Aus dem Schwedischen übersetzt von Susanne Dahmann
Verlag: DVA, Seiten: 330

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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