Jürgen Bauer / Ein guter Mensch

by Manuela Hofstätter on 10. Oktober 2017

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Marko und Norbert Draxler sind Brüder und eine Schicksalsgemeinschaft, denn ihre Eltern haben sie bereits in der Kindheit verlassen. Norbert, der ältere, hat versucht, den Hof zu erhalten und seinen kleinen Bruder Marko und sich durchs Leben zu bringen. Nun sind die Brüder erwachsen und jetzt ist es Marko, der seinen Bruder zu retten versucht. So oft er kann besucht er Norbert auf dem stillgelegten Hof, die Tiere sind schon lange weg, Norbert ist Alkoholiker und schwebt somit eigentlich ständig in Lebensgefahr. Marko vermisst seine Frau Nehir, sie ist weggegangen, zurück zu ihrer Familie wollte sie, Kinder wollte Nehir in eine solche Welt keine setzen. Ja, die Welt ist ein schlimmer Ort geworden, Europa ist ein Glutofen und es regnet nicht mehr. Als Marko eines Morgens aufwacht und sein Herz vor Freude fast zerspringt, weil er glaubt, draussen Regen zu sehen, stellt er sogleich ernüchtert fest, dass es wieder brennt und Ascheregen ihm zusätzliche Sorgen bereitet. Werden sie es schaffen, das Feuer zu löschen? Marko arbeitet für die Regierung, täglich fährt er mit einem alten Tanklastwagen das rationierte Wasser von der Versorgungsstation zu den verschiedenen Orten. Es ist ein harter Job, oft auch ein gefährlicher, denn die Durstigen, wie man die Wilden nennt, die ausserhalb des Systems zu überleben versuchen, überfallen oft so eine Wasserlieferung. Marko hat immer einen Taser bei sich, die Schusswaffe hat er strikt abgelehnt, an seiner Seite ist Berger, ein Jugendfreund, welcher immer ausgeschlossen worden ist. Berger ist ein armer Typ, depressiv, Marko hat sich ihm angenommen, und wenn Berger diesen Job vermasselt, dann ist er endgültig im Eimer, dessen ist sich Marko sicher. Alte Freunde trifft man selten, jetzt ist es soweit, abends auf dem Hügel trifft man sich, betrachtet das Feuer in der Ferne und wie es sich näher frisst. Grosse Mücken schwirren herum und alle stinken, solche Viecher gab es vor der Hitze nicht, nun ist der Gestank von Chemie das Parfum der Generation, Freude empfindet man nur noch äusserst selten, es gilt zu überleben. Es gibt einfach zu viele Menschen auf der Welt und sie haben zu lange nicht reagiert um den Zustand, so wie er jetzt ist, zu verhindern. Doch ausserhalb von Europa soll es noch viel schlimmer sein und die Menschen dort seien am Ertrinken. Marko empfindet seinen Job als wichtig, so kann er ein guter Mensch sein, Leben retten, erhalten, Hoffnung im Herzen behalten. Kali, eine alte Schulfreundin tut das gleiche im Spital, eigentlich ist sie ja Chirurgin, doch in diesen Zeiten macht sie einfach alles. Die Menschen haben allerlei Krankheiten und Seuchen, oft Durchfall, weil sie irgendwelche Brühe saufen. Dann gibt es noch eine beunruhigende Bewegung, die dritte Welle genannt. Unter der Anleitung der Riesin schliessen sich vor allem junge Menschen diesen gefährlichen Spinnern an. Sie treffen sich an speziellen Orten wie etwa im stillgelegten Schwimmbad, um gemeinsam Freude zu empfinden, verschütten Wasser und behaupten, man solle keine Angst haben, es gebe genug Wasser für alle. Marko hasst diese Idioten. Als Berger verschwindet und sich diesen anschliesst, macht dies Marko schwer zu schaffen. Marko will so gerne ein guter Mensch sein, aber er denkt oft an Nehir, soll er auch gehen, sie suchen, solange man noch gehen kann? Was soll dann mit den Menschen werden, seinem Bruder? Die Lage eskaliert zusehends …

Fazit: “Die einen verdursten, die andern ertrinken”, die Welt in Endzeitstimmung
Erneut hat der Autor Jürgen Bauer einen ungemein fesselnden Roman geschrieben, ein Europa ohne Regen, Hitze herrscht, das Wasser, das teuerste Gut überhaupt, wird von der Regierung rationiert und die Menschen schwitzen ihrem Ende entgegen. Während einige wenige versuchen, das Richtige zu tun und die Hoffnung nicht aufzugeben, rebellieren andere und viele resignieren und geben einfach auf. Heisere Stimmen, rissige Haut, eine durstende Menschheit kurz vor dem totalen Kollaps. Jürgen Bauer schafft es in diesem Roman die Angst zu schüren und glaubwürdig eine Endzeitstimmung vor unseren Augen aufflammen zu lassen, ein schräges und doch auch menschliches Buch, mit der wichtigen Botschaft zu unserem Wasser Sorge zu tragen. Wer dieses Buch liest, wird hoffentlich jeden Schluck Wasser voller Hochachtung geniessen und jedes Spülen nach einem Toilettengang zu schätzen wissen.

Meine Wertung: 8/10

Jürgen Bauer / Ein guter Mensch
Verlag: Septime, Seiten: 224

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