Julian Barnes / Der Lärm der Zeit

by Manuela Hofstätter on 22. März 2017

Post image for Julian Barnes / Der Lärm der Zeit

Der Komponist Dmitri Schostakowitsch muss ab Mai 1937 üble, schlaflose Nächte durchstehen. Stalin ging aus seiner Oper und es war klar, er war in Ungnade gefallen, seine Musik war zu modern, eine Gefahr für Stalins Reich. So ist Dmitri lange Zeit ein Mann voller Angst, welcher mit seinen Kleidern ins Bett geht, um allenfalls möglichst rasch und still seinen Zugreifern Folge leisten zu können, ohne dass dies seine Frau und seine beiden Kinder mit ansehen müssten. Aber es passiert nichts. Eine Befragung auf dem Amt findet nicht statt, der Beamte ist selbst als fraglich eingestuft worden und hat wohl sein Leben verloren. Dmitri verehrt Strawinsky, aber niemals dürfte er dies zugeben, denn Dmitri ist ein Mann, der verzweifelt versucht, Gehorsam zu leisten und sich vor sich selbst ekelt. Seine Feigheit erscheint ihm sein Leben lang die schwerste Last. Die Ironie, die kann er manchmal durchschimmern lassen, doch leider wird diese oft nicht einmal erkannt, wie er auch bei seiner zweiten Ehefrau später auf tragische Weise feststellen muss. Er ist auch in privaten Dingen und in seinen Ehen seiner Feigheit unterworfen, er liebt seine erste Frau, aber er findet es völlig logisch, ein so wundervolles Weibsbild nicht an sich binden zu können, er hat ständig eine Furcht in seinem Herzen, seine Kinder, seine Frau, sein Leben verlieren zu müssen. Die Eifersucht, die mag er sich kaum eingestehen, auch er ist Begegnungen mit Frauen nie abgeneigt gewesen. Den Säuberungen ist er entgangen, aber sein Leben war ein ständiger Balanceakt, Kunst und Unterdrückung sind kein gutes Paar. Kreativität wird immer im Keim erstickt und bei mehr als einer legendären Rede, die schlimmste fand in New York statt, legte man Schostakowitsch die Worte, die man verkündet haben wollte in den Mund, oder sprach sie schlicht in seinem Namen aus. Aus Angst vor dem Tod liess er sich von den Politikern seiner Heimat missbrauchen. Wäre er geflohen, was wäre dann aus ihm geworden, hätte er Mut gehabt, wäre er jung gestorben? Im Selbstekel muss ihm der Tod manchmal doch lieb geworden sein…

Fazit: Kunst, Zensur, Unterdrückung, ein Komponist in Stalins Reich.
Barnes hat dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch ein Leben eingehaucht, welches uns vor Augen führt, wie sich die Diktatur auf den Lebensweg des Künstlers ausgewirkt hat. Es entsteht ein bedrückendes wie auch faszinierendes, fiktives Porträt dieses Komponisten und ein erschreckendes Zeugnis, wie Unterdrückung belastet und wie Manipulation funktioniert. Ein leider aktuelles Thema, in allen Zeiten.

Meine Wertung: 7/10

Julian Barnes / Der Lärm der Zeit
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Seiten: 256

Share on Pinterest
There are no images.
Share with your friends










Submit

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment