Kathy Zarnegin / Chaya

by Manuela Hofstätter on 2. April 2017

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Chaya wächst in Teheran in einer durchaus modernen Familie auf, ihre Mutter ist die zweite Frau ihres Vaters, einem Weltenbürger, der häufig interessanten Besuch ins Haus bringt. Im Iran gehören die Kinder immer ganz zum Leben, selbst spätnachts darf Chaya den Gesprächen der Erwachsenen lauschen, früh schon hat sie in ihrem Mädchenherzen eine Sehnsucht, die da Europa heisst. Als ein hübscher Italiener Gast in ihrem Hause ist, nimmt in einer kindlichen Verliebtheit in Chayas Herz Italien als Wunschort einen Platz ein. Chaya ist ein starker Mensch, sie lernt schnell und gerne, ihre Schwester hingegen gar nicht. Aber Chaya lässt nicht von ihrem Vorhaben ab, und als es im Land unruhig wird, gewähren die Eltern Chayas Wunsch, allerdings reist sie in die Schweiz, was so gar nicht dem Europa entspricht, das sich die junge Chaya vorgestellt hat. Chaya erobert die Schweiz aber schnell, ihre Sprachbegabung ist ihr grosses Potenzial, sie liebt es, in der neuen, deutschen Sprache eine Heimat zu finden, sich neu zu erfinden gar in ihren Texten. Chaya ist neugierig, sie geht auf die Menschen zu, sie findet Männer, forscht der Frage nach der Liebe nach, stellt sich als junge Frau dem Leben. Wie soll sie überleben, wie Geld verdienen? Sie liebt die Nacht und deren Gestalten, aber an den Thunersee, mit einer neuen Bekanntschaft, reist sie dann doch nicht mitten in der Nacht. Zwei Männer hinterlassen Spuren, einer davon lässt Chaya Verlust, Wut und Eifersucht intensiv kennenlernen, aber dann ist da eben der zweite, David. David ist ein Wunder von Mann und ein Glücksfall für Chaya. Die Familie in der alten Heimat erfährt von Chaya nur telefonisch ein paar Floskeln, welche in stiller Übereinkunft ausgetauscht werden, man spricht über das Wetter etwa. Chaya liebt aber die Pakete aus der Heimat mit den Leckereien, welche sie nie alle essen kann und dem kostbaren Safran, der nie fehlt. Ein Gedicht Chayas zeugt von der Liebe, welche sie für ihre Mutter empfindet, schliesslich brachte die Mutter ihr die Poesie, die Lyrik nahe, auch wenn sie später nicht versteht, dass Chaya davon leben können will. Chaya will vieles und ihre Idee mit den Gedichtpostern, die sie zu verkaufen versucht, ist gut, aber es fehlt der Sache noch der richtige Schliff.

Fazit: Diesen Roman will man in den Händen halten, will ihn streicheln!
Welch eine Erzählerin, welch ein Debüt! Zarnegin, geboren im Iran, kommt im Alter von 14 Jahren um 1978 in die Schweiz, erobert die deutsche Sprache, studiert Philosophie und Literaturwissenschaft, ist Lyrikerin und vieles mehr. “Chaya” ist ein sinnlicher, ein intensiver, ein exakt beobachtender Roman über eine ungewöhnliche junge Frau. Als Mädchen erzählt Chaya ihrer Haarbürste schon von den schönen, neuen Wörtern und Geschichten, welche sie bei den Erwachsenen aufgeschnappt hat, sie bringt uns die persische Kultur näher, erforscht herangereift zur jungen Frau die unsere und hat auch nicht Angst, sich an die Themen heranzuwagen, welche schon zur Genüge verarbeitet worden sind, wie etwa die Liebe. Die Geschichten liegen überall da, greifen ineinander, Zarnegin weiss sie zu erzählen. Ein unendlich schönes Buch, gross wie Khazar, das Kaspische Meer, mal wild, mal still, sanft und unvergesslich.

Meine Wertung: 9/10

Kathy Zarnegin / Chaya
Verlag: Weissbooks, Seiten: 244

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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