Laetitia Colombani / Der Zopf

by Manuela Hofstätter on 22. Mai 2018

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Smita, Sarah und Giulia, drei Frauen mitten in ihrem Leben, sie kennen einander nicht, doch jede muss sich ihren Weg erkämpfen, jede von ihnen wird auf die Probe gestellt. Smita lebt in Badlapur, Uttar Prasesh, in Indien, sie gehört zu der ärmsten aller Menschenschichten, sie ist eine Dalit, keiner Kaste zugehörig, eine, die man nicht ansieht, nicht mit ihr spricht, sie lediglich duldet, aber Ihr ganzes Glück ist ihre kleine Familie, ihr Mann Nagarajan und ihre Tochter Lalita. Lalita soll ein besseres Leben haben, das ist alles, was sich Smita wünscht und wofür sie lebt und jeden Tag ihre schwere Pflicht erfüllt. Smita schultert jeden Morgen den ihr verhassten Korb und schleicht sich still in die extra dafür vorgesehenen Hintereingänge der Behausungen und sammelt den ganzen Tag über mit blossen Händen die Scheisse der anderen auf. Ihr Lohn dafür ist ihr karges Überleben, geduldet sein, manchmal werfen die Leute ihr Essensreste zu und manchmal bekommt sie aber auch gar nichts. Eigentlich hat das Land Toiletten für alle versprochen, aber Smita glaubt nicht mehr daran, das Schlimmste in ihrem Leben ist der Gestank und die Angst. Nagarajan arbeitet hart und abends bringt er Ratten, welche sie über dem Feuer braten und essen. Doch nun haben sie alles Geld, das sie mühsam erspart haben, dem Lehrer übergeben und dieser hat sich tatsächlich dazu bereit erklärt, Lalita zu unterrichten. Lalita kommt nach dem ersten Schultag tränenüberströmt heim, sie wurde geschlagen, erniedrigt, alles Geld ist weg. Smita will mit ihrer Tochter flüchten, in ein besseres Leben, doch Nagarajan schimpft, er hat Angst und will nicht mitkommen. Smita flieht mit ihrer Tochter und auf der beschwerlichen Reise will sie ihrem Gott danken und ihn ehren, doch sie hat rein gar nichts, was sie ihm opfern kann, oder etwa doch? — Sarah hat es geschafft, sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern Simon, Ethan und Hannah in Montreal. Sarah hat alles erreicht, sie ist eine Anwältin der Spitzenklasse, sie ist attraktiv, erfolgreich, durchorganisiert und arbeitet sehr hart. In der Kanzlei hat kaum einer bemerkt, wie sie drei Kinder bekommen hat, sie hatte Glück, kaum ein Bauch zeichnete sich jeweils ab, in ihrem Beruf muss man knallhart sein, wenn man an der Spitze agieren will. Dann bricht Sarah zusammen, schon seit einiger Zeit ist sie immer so müde, als der Arzt ihr vom Tumor in der Grösse einer Mandarine in ihrer Brust erzählt, bricht in ihr eine Welt zusammen, aber äusserlich bleibt Sarah die Starke. Sie ist eine Kämpfernatur, sie wird diese Chemo angehen wie einen Prozess und keiner in der Kanzlei oder der Familie wird merken, was sie durchsteht. Doch Sarah hat den Krebs unterschätzt und auch den Zufall, der ihr übel mitspielt. Sarah kann nicht mehr, sie muss einsehen, dass ihre Stärke und ihr Körper nicht ein und dieselbe Sache sind. Als alle wissen, dass Sarah krank ist und sie merkt, wie ihr die Haare nun büschelweise ausfallen, weiss sie plötzlich wieder, was sie tun muss und will. — Giulia lebt mit ihren Eltern und Schwestern in Palermo. Sie ist stolz auf die Fabrik, die seit ewigen Zeiten in Familienbesitz ist und, welche die Haare der Italiener in feinster Handarbeit verarbeitet und in Perücken verwandelt und verkauft. Ihr Vater ist ein strenger wie auch gütiger Padrone, Giulia liebt und bewundert ihn. Als Ihr Vater im Spital landet und im Koma liegt, versucht Giulia in der Fabrik die Stellung zu halten. Ihre Mittagspausen geben ihr die Kraft für ihre harten Arbeitstage und ihre Krankenbesuche am Bett ihres Vaters, denn in der Mittagspause trifft sich Giulia an einem geheimen Ort mit Kamal, dem Inder, welchen sie in der Bibliothek zum ersten Mal gesehen und sich sofort von ihm angezogen gefühlt hat. Diese geheime Liebe tut Giulia gut, oh, wie sie Kamal begehrt, doch sie haben bestimmt keine Zukunft, nicht dieselbe Religion und überhaupt, es ist sicherlich nur eine körperliche Leidenschaft. Als Giulia bemerkt, dass die Fabrik völlig pleite ist und bald alle Mitarbeitenden entlassen muss, schreibt sie Kamal einen Brief. Giulias Mutter möchte sie mit einem reichen Verehrer verheiraten, um so den Familienbetrieb zu retten. Doch dann taucht Kamal auf und er erzählt Giulia von einer ganz erstaunlichen Idee. Giulia weiss nun, sie liebt Kamal und sie wird die Fabrik retten, auch wenn die ganze Familie dagegen ist, sie wird kämpfen!

Fazit: Drei Frauen, drei Kontinente und ein neuer Weg für sie alle.
Es sind die Haare, die eine Verbindung zu den drei so unterschiedlichen Frauen dieses wunderbaren Romans flechten. Jede dieser Frauen muss für ihr Glück kämpfen und noch stärker sein, als sie doch immer schon war. Doch für ihr Glück, ihr Leben, Ihre Lieben, für die Familie und ihre Überzeugungen schaffen sie Unglaubliches. Ein grandioser Roman, drei famose Protagonistinnen und die wunderbare vierte, die Autorin, die deren Geschichte erzählt. Ein Roman der Mut macht, einer der aufzeigt, dass Aufgeben nie der richtige Weg ist!

Meine Wertung: 9/10

Laetitia Colombani / Der Zopf
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt.
Verlag: S. Fischer, Seiten: 288

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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