Lina Meruane / Rot vor Augen

by Manuela Hofstätter on 12. März 2018

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Lina, jung und lebenshungrig, ist aus ihrer Heimat Chile fast ein bisschen geflüchtet in ihr eigenes Leben, weg vom Elternhaus, weg von ihren zwei Brüdern. Vater wie Mutter arbeiten als Ärzte und so verhielten sie sich gegenüber ihrer Tochter auch als genau solche, als sich herausgestellt hat, dass die Tochter an Diabetes erkrankt ist. Bald gelangt Lina nach Mexiko, anschliessend nach Madrid und schliesslich nach New York um dort als Schriftstellerin zu leben und zu schreiben. Nebst ihrem spanischen Geliebten Ignatio hat Lina in ihrem Leben den Augenarzt wohl am meisten gesehen, welcher sich aber immer noch nicht ihren Namen merken kann. Linas Augen sind durchwachsen von Adern, eine Nebenwirkung bei manchen Diabetikern, Lina läuft in Gefahr zu erblinden und muss sich eigentlich an viele Regeln halten, was ihr nicht immer gelingt. Dann an einer Partynacht passiert es, zu schnell hat sich Lina hinuntergebeugt, es ist ein Fehler zu viel in dieser Nacht. Eine Explosion in Rot zeigt sich in ihrem Auge und das Blut zeichnet ein Meisterwerk, leider eines, das nur kurz anhält und der schrecklichen Gewissheit das Feld überlässt, dass Lina kaum mehr etwas sehen kann. Ignacio wird für Lina zur Sicherheit in einer neuen Welt, in welcher sie sich ohne ihn nicht mehr bewegen kann. Schrecklich der Moment, als er für sie am Flughafen einen Rollstuhl bestellt hat, ihre Beine sind doch intakt, regt sich Lina auf, schliesslich ist sie ja nicht behindert … Aber bereits auf dem Flug wird Lina weitere bittere Erfahrungen machen, was es heisst, kaum noch etwas sehen zu können. Zu Hause in Santiago di Chile ist es kaum auszuhalten, die Fürsorge der Eltern zu ertragen, der ältere Bruder lässt sich entschuldigen, er hat keine Zeit, zum Glück aber ist der jüngere Bruder eine fröhliche Ablenkung, er vermag gar mit seiner grossen Schwester zu scherzen, was dieser gut tut und dann kommt ja schon Ignatio nach. Ignatio zelebriert seine Erkältung, erinnert sich an die kalten Winter in seinem Santiago, nämlich dem von Compostela und so wartet das Liebespaar ab, was nun kommen wird. Lina muss sich einer Augenoperation unterziehen, doch deren Ausgang ist mehr als ungewiss, eine Sehende oder eine Blinde wird sie danach sein.

Fazit: Zwei Liebende, zwei Augenpaare, Sehende und Blinde.
Lina Meruane hat in diesem bewegenden und poetischen Roman nicht zuletzt viel Autobiografisches verdichtet. Auch sie musste um ihr Augenlicht bangen. Aber es sind nicht nur die faszinierenden Beschreibungen von der Gefühlswelt, welche da durchlebt wird angesichts des Verlustes des Sehens, es ist weitaus mehr, was uns dieser Roman schenkt, wir werden Sehende und bewundern ein Liebespaar, gehen mit einer Familie ein Stück durch ihr Leben in Chile, wir vergleichen das Santiago in Chile mit demjenigen in Spanien und wir erinnern uns an die Geschichte Chiles, an den Putsch der Streitkräfte, welche am 11. September 1973 siegten und die Regierung Allende beendet haben, es folgte die Zeit Pinochets. Ein vielseitiger Roman, man sieht ihn wahrlich auf verschiedensten Ebenen, am schönsten finde ich diejenige der Liebenden, in der Familie und allüberall auf den Seiten dieses Romans.

Meine Wertung: 8/10

Lina Meruane / Rot vor Augen
Aus dem chilenischen Spanisch übersetzt von Susanne Lange
Verlag: Arche, Seiten: 208

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 Margrit Hegglin März 12, 2018 um 14:21 Uhr

Dieses Buch hat mich zutiefst betroffen gemacht. Manchmal konnte ich fast nicht mehr weiter atmen. Elke Heidenreich sagte im Literaturclub, dass sie das Buch nervenstarken Lesern empfehle. Deshalb habe ich es gekauft und es ist wirklich keine Bettlektüre!!!
Mich hat das Buch fasziniert und tief berührt.

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