Lorenz Stäger / Der Kammerdiener

by Manuela Hofstätter on 17. Oktober 2015

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Es ist nicht weiter schlimm für Hans Keusch, als der Pfarrer und der Lehrer ihm nahelegen, mit dem Schreiben und Rechnen werde es nichts mehr, er solle doch die Schule abbrechen und lieber Geld verdienen gehen. Der Hansli ist nicht gerne in die Schule gegangen, aber jetzt darf er in der Ziegelei arbeiten gehen, ein bisschen weg von zu Hause, eigenes Geld erarbeiten und dieses stolz dem Vater heimbringen, das gefällt ihm gut. Die arme Bauernfamilie kann jeden Rappen brauchen, um die hungrigen Mäuler der Kinder zu füttern. Bald darf er mit einem Händler mitfahren, noch weiter in die Welt hinaus und als Schuhputzer landet er schliesslich gar in einem Hotel. Im Welschland lernt er flugs die französische Sprache, er hat Talent, die würden staunen zu Hause, wie begabt und fleissig er ist der Jean, so heisst er nun in Neuchâtel und er darf bald sogar Kellnern, steigt auf zum Garçon, dann Premier Garçon und er kann immer mehr Geld sparen, um es heimzuschicken. Die Frauen, die haben es in sich, Jean Keusch macht seinem Namen keine Ehre, er verliert Kopf und Unschuld schnell bei jungen Frauen, das Beichten hilft da wenig und sein Herz wird anfänglich auch verletzt. Aber Jean weiss sich zu helfen, er bestimmt die Namen der Kühe, die sein Vater mit seinem Geld kaufen kann und so findet er rasch wieder Ruhe, indem er einfach den Kühen die Namen seiner Liebschaften gibt. Besonders beeindruckt hat den Jüngling in der französischen Schweiz der Besuch des Schahs von Persien, Naser ed Dim, im Jahre 1873. Die Reiselust, die steckt im Jean und auch der Fleiss und das Glück, er kommt noch weit herum in der Welt, sehr weit. Marseille hält Abenteuer für ihn bereit, als Kammerdiener in London lernt er rasch auch englisch, doch auch Kairo, Batavia, Singapur und weitere exotische Orte erobert der einfache Bauernsohn mit Geschick und steigt weiter auf. Er begegnet grandiosen Zeitgenossen; Rousseau, Diderot, Jules Verne, Karl May und dem Pianokönig Steinway um nur einige zu nennen. Aber er erlebt auch Schlimmes, den Tod seiner Geliebten Frau, Krankheiten wie der Ruhr oder der Cholera. Doch die Briefe, die unser John, Jean oder eben Hansli heimsendet, die berichten von seinen eigenen Heldentaten. Es ist immer ein Spektakel, wenn etwa in der Heimat im Ochsen am Stammtisch vom Hansli erzählt wird und da ist die Rede von manchem Abenteuer, wie etwa demjenigen des ruhmreichen Sieges gegen die Piraten, die es zu besiegen galt. Ja, er ist ein Held, der Hansli, und wenn er nicht gestorben ist, dann erlebt er immer noch die unglaublichsten Abenteuer.

Lorenz Stäger / Der Kammerdiener

Fazit: Kein Hans im Schnäggeloch, ein Held, ein richtiger Held!
Dieser Roman ist einfach berauschend, mit Hansli durch die Welt zu reisen, das lässt einen alles andere vergessen und einfach nur staunen! Wir erfahren vieles über die Geschichte dieser Zeit, aus der Schweiz aber auch aus der ganzen Welt und wir können oft herzhaft über das schlaue Bürschchen lachen, welches doch aus dem Hansli geworden ist. Dieses Buch ist so spannend wie witzig und dazu auch noch absolut berührend! Doch auch den letzten Streich dieses Helden, den muss man erst einmal lesen! Das Buch dürfte all denen ganz besonders gefallen, die Tschans “Polarrot” lieben und auch denjenigen, die den “Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang” mögen. Ein wirklich famoses Buch!

Meine Wertung: 9/10

Lorenz Stäger / Der Kammerdiener
Verlag: Lokwort, Seiten:232

Bibliothek Geroldswil mit Lorenz StärkerLesefieber vom 8.11.2015 in der Bibliothek Geroldswil mit Lorenz Stärker


 

Lorenz Stäger / Der Kammerdiener
Roman (Biografie aus Wahrheit und Dichtung)

Als Basis dient das faszinierende Leben von Josef Leontius Koch, genannt Lunzi (Originalfoto auf Umschlag), 1854 im aargauischen Villmergen geboren, arme Kleinbauernfamilie, für die sieben Kinder zwei Betten: eines für die drei Mädchen, eines für die vier Buben. Abends Strohflechten bei Kienspanlicht, später mit Petrollampe. Nach sechs Jahren Schulbesuch entlassen: „Schreiben und lesen kannst du sozusagen nicht, doch wozu brauchst du das später?“

Schuhputzer im Hotel Löwen in Aarau, Kellnerlehrling (Piccolo) in Neuchâtel, Kellner in Genf (Hôtel des Bergues), als u.a. Schah von Persien absteigt. Oberkellner in Marseille, dann Berufswechsel zum Kammerdiener, zuerst in London, dann Paris usw.

Schloss La Corbière bei Estavayer Schloss La Corbière bei Estavayer (Foto: Lorenz Stäger)

Mit dem französischen Konsul Graf Arthur de Pourtalès-Gorgier nach Batavia, erlebt Ausbruch des Krakatau. Die Gattin des Konsuls ist eine attraktive Amerikanerin und intensive Liebhaberin, die u.a. in Anekdoten aus dem Sezessionskrieg und in Büchern verewigt worden ist. Nächste Station Hawaii, mit dem französischen Konsul Marie Gabriel Bosseront d’Anglade. Lagerkoch bei einer atronomischen Expedition. In den 1890er Jahren beim Pianokönig William Steinway (mehrfach in dessen Tagebüchern zu finden) in New York (dessen luxuriöse Villa in Astoria / Queens steht noch, unbewohnt; ich habe sie im Mai aufgesucht und fotografiert). Begegnet u.a. dem Pianisten Paderewski. Später in Philadelphia beim Pharma-Industriellen Frederick Stearns, mit häufigen Reisen, u.a. bis nach Khartum.

Weitere Stationen u.a. beim französischen Konsul auf Kuba; begleitet eine Heiligland-Reise mit Schweizer Pilgern: lebt und arbeitet während des Ersten Weltkriegs bei einem Bauern in der Provence, nachher einige Jahre Italien, in hohem Alter noch Kammerdiener bei einem siamesischen Prinzen in Südfrankreich. 1947 gestorben im Altersheim Gnadenthal (heute Reusspark, Niederwil).

Soweit zur echten Biografie. Quellen sind nebst mündlicher Überlieferung ein Radiovortrag, den mein Vater Robert Stäger 1946 im Rahmen seiner regelmässigen Sendungen (Radio Beromünster damals!) gehalten hat, weiter eine 26-seitige Biographie, ebenfalls von Robert Stäger, veröffentlicht im Buch „Meine Heimat“, Aargauisches Jungbürgerbuch, Aarau 1960 sowie eine Doppelseite in der Schweizer Illustrierten (1942): Ich war Kammerdiener auf Hawaii, Tatsachenbericht.

Steinway-Villa in New YorkSteinway-Villa in New York (Foto: Lorenz Stäger)

Die Quellen-Texte, damals noch ohne Hilfe des Internet verfasst respektive vom bereits sehr bejahrten „Lunzi“ erzählt, enthalten nachweisbar viele Fehler und Ungenauigkeiten. Nachforschungen im Internet haben mir unerwartete und oft verblüffende Resultate gebracht, z.B. die mehrfache Erwähnung unseres Kammerdieners in damaligen Zeitungen von Hawaii oder ein Foto des Expeditionsberichtes, wo er als Koch deutlich zu erkennen ist, oder eben in den Tagebüchern von Steinway. Mehrfach habe ich solche originale Erwähnungen in meinem Buch verwendet resp. wörtlich zitiert.

Mit schriftstellerischer Freiheit und einem Augenzwinkern habe ich zusätzliche Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten eingebaut, Liebesaffären und dazu einen überraschenden Einstieg ins Buch geschaffen, korrespondierend mit einem überraschenden Ende. Das Umfeld bei erfundenen Begegnungen mit weltbekannten Persönlichkeiten ist aber exakt und bis ins letzte Detail recherchiert, d.h. sie hätten durchaus so stattfinden können.

Josef Leontius Koch heisst im Buch Hans Keusch, Villmergen wurde zu Freienberg.

Lorenz Stäger, Dr. phil.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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