Lukas Hartmann / Der Sänger

by Manuela Hofstätter on 26. Oktober 2019

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Joseph Schmidt, der bislang verehrte und begehrte Startenor, der nicht nur in Europa, nein sogar in Amerika gefeiert wurde, muss sich von seinem luxuriösen Leben verabschieden, als ihm Deutschland Berufsverbot erteilt. Joseph Schmidt ist ein jüdischer Sänger, 1904 im österreichischen Czernowitz geboren. Nun im Jahre 1942 naht der Herbst, Schmidt entscheidet sich zur Flucht, an seiner Seite Selma Wolkenstein, eine Geliebte, nun vielmehr treue Freundin und Begleiterin, in dieser Rolle sieht sie sich. Schmidt sind die Frauen immer zu Füssen gelegen. Wien, Brüssel und Südfrankreich haben sie bereits hinter sich gelassen, jetzt ist das Ziel vor Augen, die freie, demokratische Schweiz. Selma kann in der Schweiz auf ihren reichen Bruder Julius Orlow, den Zigarrenfabrikanten zählen, sicherlich wird er ihnen helfen. Doch an der Schweizer Grenze gibt es einen neuen Erlass, man hat Angst vor der Überfremdung, man hat die Grenzen nicht mehr einfach offen. Joseph Schmidt landet im Internierungslager Girenbad im Kanton Zürich, er ist schwer angeschlagen und sehr krank, doch er versucht, seine Würde zu bewahren und seine leidige Situation zu meistern. Tatsächlich ist er schwer krank und eine Kehlkopfentzündung nimmt ihm das wichtigste in seinem Leben, seine Stimme. Als er bei der Arbeit zusammenbricht, wollen ihm ein antisemitischer Arzt, wie auch andere im Lager den Simulanten unterstellen. Schmidt möchte sich so gerne seinem Gastland Schweiz für die Hilfe in seiner Situation erkenntlich zeigen können, sein Talent anbieten, er würde so gerne Konzerte in der Schweiz geben. Verzweifelt versucht er daran zu glauben und hofft, dass seine Stimme zurückkommen möge. Es gibt Menschen, die ihm helfen wollen, auch Schweizer, aber sie haben keine Chance. In seinem schlimmen Zustand schon fast delirierend, denkt Schmidt über seinen Sohn nach, den siebenjährigen Otto, dessen Vater er tatsächlich ist aber nie war. Auch Erinnerungen an seine Mutter kommen auf und während er hofft und um seine Würde kämpft, verliert er schliesslich mit 38 Jahren am 16. November 1942 in der kalten Schweiz sein Leben. Eine Frau hat über das Ableben des berühmten Sängers eine Notiz gelesen, ihr Mann ist an der Grenze am Arbeiten, sie fühlt ihm wie so oft auf den Zahn und er weiss so genau Bescheid über alles. Doch so einfach zu urteilen und verurteilen, wie das seine Frau gerne will, ist seine Arbeit und die seiner Kollegen an der Grenze und in der Schweiz eben auch nicht in dieser Zeit.

Fazit: Ein Lied geht um die Welt …
… ein Lied, das Euch gefällt, doch der Abgesang des Lebens des jüdischen Sängers Joseph Schmidt, der dieses weltberühmte Lied im gleichnamigen Film sang und Tausende Herzen eroberte, dieser Abgesang, der kann uns nicht gefallen. Sensibel und gekonnt aber schlüpft Lukas Hartmann in die Rolle Schmidt und erzählt von dessen Ankunft in einem Schweizer Internierungslager, seinem Leidensweg in der Schweiz und schliesslich über sein Sterben. Es waren die ersten Schellackplatten, welche die Stimme dieses berühmten Mannes mit der unvergesslichen Stimme speicherten, Schmidt sang schlagerähnliche Lieder so leidenschaftlich wie klassische Arien. Er lebte glanzvoll, verführte die Frauen, doch seine letzten Wochen wurden zur Tragödie, wie es noch viele weitere für jüdische Flüchtlinge in der Schweiz oder an der Grenze zur Schweiz gegeben hat. Hartmann versteht es, aber auch auf einer zweiten Erzählebene zu veranschaulichen, wie heftig diese Zeit war und wie sehr viele Menschen auch gelitten haben, welche die Gesetze und Verordnungen der Schweiz durchzusetzen hatten, ob sie dies nun wollten oder nicht. Am Geburtsort des Sängers wie auch an der Hauswand in Girenbad, Hinwil im Kanton Zürich, erinnern Gedenktafeln an den Sänger. Dieses Buch ist eine beeindruckende Erinnerung an eine schwierige Zeit in unserem Land und zugleich ist es aktueller denn je, denn wir werden über kurz oder lang wieder an genau derselben Stelle stehen …

Meine Wertung: 8/10

Lukas Hartmann / Der Sänger
Verlag: Diogenes, Seiten: 288

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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