Lukas Hartmann / Ein Bild von Lydia

by Manuela Hofstätter on 17. Dezember 2018

Post image for Lukas Hartmann / Ein Bild von Lydia

An der Beerdigung friert Luise, ihr Mantel ist zu dünn und sie denkt zurück an ihre Zeit, welche sie mit zuerst der gnädigen Frau oder Frau Welti, dann aber immer häufiger in vertrauten Momenten mit Lydia verbracht hat. Nun würde sie alle Kleider von Lydia erben. Nach der Scheidung hatte sie ja wieder Frau Escher genannt werden wollen, die Zeiten, als sie als die reichste Frau der Schweiz bezeichnet worden war, galten der Vergangenheit an. Wer war Lydia in Wirklichkeit? Selbst Luise konnte das nicht genau sagen, aber gewiss wusste sie mehr über diese Frau als alle anderen. Der Rückblick auf Luises Dienstjahre im Hause Welti-Escher ist ein Rückblick auf eine Beziehung, die in Lydias Leben ungemein wichtig war und auch Luises Leben prägte. Frau Lydia hatte es nicht einfach mit einem Schwiegervater, der Bundesrat war und dessen Sohn, ihrem Emil, den sie gewiss zu lieben versuchte und Emils Freund, dem Künstler und Maler Karl Stauffer. Als Karl ein Porträt von Lydia anfertigen soll, entflammt diese in einer fatalen Liebe zum Künstler. Eine Amour fou, die das ausgehende 19. Jahrhundert in der Schweiz durchrüttelte und für viel Gesprächsstoff sorgte. So fand die in ihren Zwängen und der Zeit gefangene, gebildete Lydia in ihrem Dienstmädchen, der einfachen Marie Louise Gaugler, ihre engste, vielleicht ihre einzige Vertraute, ja gar Freundin. Als Lydia kurzerhand in die Psychiatrie gesteckt und nach Karl gefahndet wird, hätte Luise gewiss auch ihr eigenes Leben zu führen, für ihre Liebe zu einem Kellner Sorge zu tragen. Doch sie ist eine pflichtbewusste Person und will Lydia nie im Stich lassen. So vieles haben die beiden Frauen durchgemacht, jetzt endet ihre gemeinsame Zeit, Lydia und Karl leben nicht mehr, doch immerhin hat Louise den kleinen Trost, dass die Liebe zwischen ihr und ihrem Kellner diese Geschichte überdauert und Bestand hat. Es schmerzt aber im Herzen, nicht zuletzt auch die Tatsache, dass die noblen Herrschaften nie anerkannten, was Luise eigentlich als Vertraute Lydias und auch sonst alles geleistet hat.

Fazit: Louise, weitaus mehr als ein Dienstmädchen!
Lukas Hartmann erzählt einerseits eine spannende Amour fou am Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz, doch weitaus beeindruckender ist die Geschichte der Freundschaft der beiden so ungleichen Frauen, die auf wahren Begebenheiten beruht. Marie Louise Gaugler, welche aus einfachsten Verhältnissen kam, stellte sich als loyale wie treue Begleiterin an Lydas Seite und stellte diese Beziehung gar über ihr privates Glück. Lukas Hartmann hat seinen Roman auf diese beiden Frauen ausgerichtet und das ist ein kostbares Geschenk. Es gibt ja einige andere biografische Texte zu diesem Skandal. Ein grossartiges Buch über gleich zwei grossartige Frauen!

Meine Wertung: 9/10

Lukas Hartmann / Ein Bild von Lydia
Verlag: Diogenes, Seiten: 353

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

Letzte Artikel von Manuela Hofstätter (Alle anzeigen)

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment