Lukas Linder / Der Letzte meiner Art

by Manuela Hofstätter on 5. Februar 2019

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Die von Ärmels gehören irgendwie nicht ins 21. Jahrhundert in Bern, ihre teils adelige Geschichte stützt auf einem Helden ab, einem Vorfahren, der in der Schlacht bei Marignano vierzig Franzosen mit seiner Hellebarde erschlagen haben soll. Das Gemälde dieses Helden ist ein düsteres, der Held hat für den Maler nicht freundlich in die Welt geblickt, dem jüngeren Bruder Alfred von Ärmel macht er aber gewaltigen Eindruck. Doch Alfred ist leider so gar kein Held, er fühlt sich kaum sichtbar in seiner Familie, oder gar eher als eine Karikatur. Sein älterer Bruder Thomas ist ein Genie, er spielt Geige und soll eine grosse Karriere vor sich haben, Thomas ist so unglaublich begabt und intelligent, die Mutter liebt Thomas, er darf ständig im Salon spielen, wenn Mutter Gäste zu ihren bekannten Soirées einlädt. Mutter ist eine wahre Schönheit, sie interessiert sich nur für Schönes, die hohen Künste, warum sie Vater geheiratet hat, ist eines der grössten Rätsel überhaupt, so wie auch ein Monat in Mutters Jugend. Damals soll Mutter von zu Hause abgehauen und einen Monat lang vom Erdboden verschwunden sein, sie spricht nicht über diese Zeit, Vater weiss einzig, dass sie wohl mit einem Zirkus unterwegs war und damals die komische Tätowierung auf ihrem Rücken entstanden ist. Das Kennenlernen der Eltern klingt wie eine völlig verrückte Geschichte, doch tatsächlich fand diese genauso statt, sie führte Mutter und Vater aus dem Nichts gemeinsam in die Dunkelheit und danach in eine Ehe, was in ihrem Fall fast dasselbe war. Vaters ganzer Stolz ist seine Fabrik, Vater stellt Wimpel her und wenn Alfred jemals an ein Geburtstagsfest eingeladen wird, muss er immer Wimpel als Geschenk mitbringen. Keiner mag diese Wimpel, Mutter ist Meisterin darin, diese einfach zu ignorieren, so wie sie dies auch mit ihrem Mann und Alfred tut. Mutter ist oft depressiv, aber auch Vater versinkt immer mehr in einer Melancholie, die Eltern können tagelang im Finstern sitzen, es sind dies jeweils die einzigen Stunden, in welchen sie miteinander können. Vater würde gerne ein Hobby haben, seit immer schon träumt er vom Imkern, doch seine Frau macht den Wunschtraum mit ein, zwei Sätzen zunichte. Die Frauen in der Familie regieren, so auch die Grossmutter, eine richtig gemeine, herrische und geizige Person. Doch ausgerechnet die Grossmutter ist es dann, die Alfred Hoffnung schenkt, als sie an Weihnachten beim obligaten Singen ausruft, Alfred habe eine von Gott gegebene Stimme. Alfred kommt somit in den Genuss von Gesangsunterricht, doch dieser ist ganz anders, als er sein sollte und so oder so ist klar, die Hoffnung, dass nun Alfred zeigen kann, dass seine Geburt kein Fehler war, sondern er eben doch der wahre Held der Familie Ärmel ist, scheitert dramatisch. Doch Alfred ist guter Dinge, er wird seine Begabung schon finden, Thomas hat sich nämlich aus dem Staub gemacht, hat seine Geige an den Nagel gehängt, hörnt nur noch Heavy Metal und lebt in einer Wohngemeinschaft. Alfred versucht sich im Schultheater, Schauspiel, das könnte doch auch eine Begabung sein, doch auch diese Episode endet im Desaster. Als ein enthusiastischer Lehrer in der letzten Klasse einen Abschlussball organisieren will, ist Alfred als einziger noch ohne Tanzpartnerin, was den Lehrer sehr betrübt und in der ersten Liebe in Alfreds Leben gipfelt. Ruth, durch seine Annonce hat er sie gefunden, Ruth und ihr Kartoffelpüree, ihre Traurigkeit über den Verlust des Ehemannes und ihre Art, das Leben zu sehen. Alfred liebt, Altersunterschiede sollten der Liebe nicht im Weg stehen, doch ob diese Geschichte in Alfreds Leben mal gut ausgehen kann und was die Familie Ärmel noch alles erlebt, das ist eine weitere Geschichte, die man einfach lesen muss.

Fazit: Zum Totlachen traurig!
Lukas Linder schreibt sich mit seinem Romandebüt ganz zuoberst in mein Herz. Die Geschichte der legendären Familie Ärmel in Bern, welche sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, ist in der heutigen Zeit gestrandet. So tragikomisch, so famos, so schräg und bei all dem zugleich doch so zärtlich kann dieser Autor seine Protagonisten zeichnen. Nur wer die Menschen kennt und achtet, kann so präzise schreiben, dieser Roman ist für mich Lesefreude vom Feinsten. Zudem ist dieser Roman einer derjenigen, der mich so ungeheuer viel zum Lachen gebracht hat wie kaum ein anderer zuvor. Ich liebe dieses Buch!

Meine Wertung: 9/10

Lukas Linder / Der Letzte meiner Art
Verlag: Kein & Aber, Seiten: 272

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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